Metallica

Im Zentrum des Skorpions

Bei dieser Band muß man einfach in Superlativen reden: Über 100 Millionen weltweit verkaufter Tonträger, ausverkaufte Stadien-Tourneen, eines der erfolgreichsten Rockalben aller Zeiten und die einzige Band in der Geschichte, die auf allen Kontinenten ein Konzert gegeben hat – sogar in der Antarktis. Kaum eine Band wird gleichzeitig so sehr verehrt als auch gehaßt wie Metallica. Nun, ganze acht Jahre nach ihrem letzten Album „Death Magnetic“, folgt endlich das neue Album „Hardwired ... To Self-Destruct“. Wir haben in Hannover mit Gitarrist Kirk Hammett gesprochen, der sein Glück gar nicht fassen konnte, sich in dieser Stadt aufzuhalten.

„Es ist so geil, in der Stadt der Scorpions zu sein“, freut sich Kirk zu Beginn unseres Gesprächs wie ein kleiner Junge. „Das ist meine absolute Lieblingsband aller Zeiten. Am liebsten würde ich heute mit euch über diese Band sprechen und den Einfluß, den sie auf mich hatten.“

Ja, das glauben wir gerne, doch deswegen sind wir nicht hier. Ein anderes Mal aber sehr gerne. „Hardwired ... To Self-Destruct“ steht schließlich in den Startlöchern, und da ist es doch wichtiger, genau das in den Mittelpunkt der Konversation zu rücken, gerade wenn man bedenkt, daß „Death Magnetic“ ganze acht Jahre zurückliegt. Eine verdammt lange Zeit.
„Das ist eine sehr lange Zeit, da habt ihr recht“, entschuldigt sich der Gitarrist. „Aber ihr müßt verstehen, wir hatten in den letzten Jahren die Möglichkeit, verschiedene Projekte auszuprobieren, und wir haben es gemacht. Da waren Projekte wie ‘Lulu’, wie die Orion-Festivals, unser Film ‘Through The Never’ oder das Antarktis-Konzert ‘Freeze ’Em All’. Es gab viele Fans und Kritiker, denen die Projekte nicht gefallen haben, aber wir bekamen die Möglichkeit, und wir haben sie genutzt. Wir waren unglaublich aktiv in den letzten Jahren. Wir lagen nicht auf der faulen Haut. Wir sind auch wahnsinnig viel um die Welt getourt.“

Das kann jeder Fan nur bestätigen. Metallica war in den letzten Jahren sehr viel auf Tour, doch es wäre wahrscheinlich der viel größere Dienst am Fan gewesen, wenn man zwischendurch an ein neues Album gedacht hätte.
„Oh, wir haben immer wieder an ein neues Album gedacht, so ist das nicht“, verteidigt sich Kirk. „Wir wurden ja auch von den Fans, unserem Management und unserem Label regelmäßig daran erinnert. Jeder von uns schreibt ja auch ständig an neuem Material und fängt an, es zu sammeln. Doch dann muß man auch die Zeit finden, das Material zu sortieren und durchzugehen. Die war bei uns in den letzten Jahren halt knapp. Aber vor gut sechs Jahren begann bei uns der Prozeß, daß wir anfingen, über einen Nachfolger für ‘Death Magnetic’ nachzudenken.“

Also haben sich die Arbeiten am neuen Album quasi ganze sechs Jahre hingezogen?
„Nein, das nicht“, dementiert Kirk die These. „Anfangen darüber nachzudenken heißt nicht automatisch gleich, daß sich die Band ins Studio verkriecht. Aber es war der Zeitpunkt, an dem wir uns bewußt waren, daß es bald weitergehen sollte. Vor gut zwei Jahren hatten wir verschiedene Zeitfenster, als es uns möglich war, im Studio zusammenzukommen, um effektiv an neuen Songs zu arbeiten. Ich weiß, acht Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Ich erinnere mich noch daran, wie ich als junger Fan ein ganzes Jahr auf ein neues Album meiner Lieblingsbands warten mußte. Dieses eine verdammte Jahr war schon die Hölle. Heute ist das nichts. Also, ich weiß, wie sich die Fans fühlen. Es tut uns leid, daß sie so lange warten mußten.“

In der kompletten Karriere von Metallica hat die Band in ihren jeweiligen Abschnitten langjährige Produzenten. Sei es Flemming Rasmussen, der die Band von „Ride The Lightning“ bis hin zu „... And Justice For All“ betreute, oder Bob Rock, der die von vielen Fans ungeliebte Phase vom schwarzen Album bis zum berüchtigten „St. Anger“ unter seiner Kontrolle hatte. Beim großen Comeback-Album „Death Magnetic“ wollte Metallica alles richtig machen und holten sich die Produzenten-Legende Rick Rubin an Bord, der bereits Schwergewichte wie AC/DC, Slayer, Johnny Cash oder Slipknot betreute. Die Rechnung ging auf. Mit „Death Magnetic“ machten Metallica wieder einiges an Boden gut, weshalb es nun verwundert, warum man beim jetzigen Werk „Hardwired ... To Self-Destruct“ nicht wieder auf das gleiche Pferd gesetzt hat, sondern zum Produzenten Greg Fidelman wechselte.
„Da waren verschiedene Faktoren, wegen derer wir uns für Greg entschieden hatten“, erklärt uns Kirk. „Greg hatte uns bereits bei ‘Death Magnetic’ als Mixer unterstützt, und er war verdammt gut in diesem Job. Rick war perfekt für das letzte Album als Produzent. Er hat ein perfektes Gehör, er mag einen trockenen Sound mit bestimmten Klängen bei Drums und Gesang. Rick liebt es, wenn es direkt im Gesicht drückt. Greg auf der anderen Seite liebt eher den traditionellen Sound. Greg liebt es, einen großen Drum-Sound zu kreieren, was uns total gefiel. Auch bei Gitarren hat er eine Schippe drauf gelegt, und dem Gesang hat Greg auch eine andere Aufmerksamkeit gegeben, als Rick es gemacht hätte. Jedes Mal, wenn wir bei Rick etwas ausprobieren wollten beim Sound, hat er geblockt, weil er einen trockenen Sound wollte. Wir haben damit gearbeitet und fanden das für ‘Death Magnetic’ okay, es hat uns aber auch limitiert. Ich denke, daß der größte Unterschied zwischen beiden Alben wirklich beim Drum-Sound ist. Dieser Sound ist mit das Beste, was wir je auf einem Album hatten. Ich finde, daß der bisher beste Drum-Sound auf dem schwarzen Album war, aber dieser hier ist sehr nahe dran. Deswegen sind wir unheimlich zufrieden mit Greg als Produzent. Er kennt Metallica aus dem Effeff. Er weiß, wozu wir fähig sind, er weiß, wie er uns vorantreibt. Und vor allem, er wußte, wenn wir unser Tageslimit erreicht hatten und dringend eine Pause benötigten. Das ist sehr viel wert. Er glaubt an uns zu 100 Prozent und engagiert sich unheimlich für Metallica. Und so etwas brauchten wir. Denn wir brauchen Leute um uns herum, die sich genauso engagieren, wie wir es selber machen.“

Metallica ist unheimlich erfolgreich. Doch gerade unter den Die-Hard-Fans gibt es bekanntlich immer die größten Kritiker. Solche, die jedweder Weiterentwicklung abschwören, ja sie gar verteufeln. So kam es, daß der Aufschrei unter diesen Fans groß war, als Metallica Alben wie „Load“ oder „ReLoad“ veröffentlichten. Seitdem sparten die Fans nicht an hämischen Kommentaren. Den vorläufigen Höhepunkt der Fan-Schelte erreichte Metallica mit „St. Anger“. Doch sie schafften es auch wieder, mit „Death Magnetic“ viele dieser „Kritiker“ zurückzugewinnen. Nun war wieder alles beim Alten – dachte man im Allgemeinen. Doch im Nachhinein landete Metallica eine ganze Reihe an Flops in Folge, seien es ihre eigenen Orion-Festivals, der Metallica-Film „Through The Never“ oder die unrühmliche Lou Reed-Kooperation „Lulu“. Wie geht die Band mit diesen Flops um? Oder stehen die Jungs über den Dingen?
„Es ist schade, daß jeder bei diesen Projekten von Flops redet“, gesteht uns Kirk. „Wir haben sehr viel Herzblut in jedes Projekt gesteckt, und wir sehen sie nicht als Flops. Denn hier muß man schauen, wie man Flops definiert. Klar, finanziell gesehen habt ihr vielleicht recht, aber kulturell? Wir sehen jedes dieser Projekte auch als eine Art Erfolg für uns, weil sie uns jeweils immer ein Stück weitergebracht haben. Wir gehen diese Sachen immer mit vollem Einsatz an. Wenn sie ein Erfolg werden: sehr gut. Werden sie kein Erfolg: Das ist auch okay, solange wir wissen, daß wir alles reingesteckt haben, was möglich ist. Solange wir mit ganzem Herzen und Einsatz dabei waren, haben wir unseren Teil getan. Wir können niemanden zwingen, die Produkte zu kaufen oder zu den Festivals zu gehen oder sich den Film anzuschauen. Wir glauben jedoch nach wie vor daran, weil es für uns auch ein Statement für unsere Kreativität ist. Solange wir immer alles geben, haben wir den Kampf gewonnen. Ich kann mir heute noch ‘ Through The Never ’ anschauen und sehe einen starken Film mit geilem Sound. Und ‘ Lulu ’? Ganz ernsthaft, ich finde, daß ‘ Lulu ’ eine der besten Sachen ist, die wir jemals gemacht haben, weil wir Grenzen gesprengt haben. In beiden Fällen waren die Fans nur nicht mit uns einer Meinung. Meine Frau hatte sich ‘Lulu’ damals angehört und gesagt, daß es sehr anstrengend ist. Ja, das stimmt, es ist keine leichte Kost. Aber wir haben gehofft, daß unsere Fans etwas liberaler wären und der Sache eine Chance geben würden. Man muß sich öffnen können, um das Album zu verstehen. Ich für meinen Teil bereue nichts, und ich weiß, daß es Lars, James und Robert genauso geht.“

2014 ging eine Horror-Meldung durch die Musikwelt. Es wurde vermeldet, daß Kirk sein Handy verloren hatte mit haufenweise Riff-Ideen für das neue Album. Was ist denn nun genau passiert?
„Ich habe keine Ahnung, Kumpel“, lacht Kirk etwas bitter. „Was passiert ist, ist nunmal passiert. Es läßt sich nicht rückgängig machen, leider. Ich habe mein Handy in einem Taxi liegenlassen. Als ich mein Hotelzimmer betrat, hab ich es gemerkt. Ich habe sofort mein iPad geschnappt und dort eine App aufgerufen, die mein Handy verfolgen konnte, und ich sah diesen kleinen Punkt quer durch Kopenhagen fahren, und am Flughafen verschwand er dann. Das wars. Ich habe so ein wenig die Hoffnung gehabt, daß ein Metallica-Fan das Handy gefunden hatte und es mir zurückgibt, aber das war Wunschdenken. Wie dem auch sei, es läßt sich leider nicht ändern, und jetzt ist da draußen irgendwo auf der Welt ein Mensch, dem ich haufenweise Killer-Riffs und Song-Ideen geschenkt habe.“

Und es gab in der Zeit danach keine Möglichkeit, die Arbeit wieder aufzuholen, um noch am Songwriting-Prozeß vom neuen Album beteiligt zu sein?
„Nein, ich habe vergessen, Backups zu machen, das ist ja das Schlimme“, erklärt uns Kirk. „Ich habe versucht, mich an die Sachen zu erinnern, aber verstehst du, ich habe es nicht umsonst auf Handy aufgenommen. Damit mein Kopf frei ist für neue Ideen. Ich habe knapp fünfhundert bis sechshundert Ideen aufgenommen und habe mich lediglich an vier oder fünf Ideen erinnert.“

Das ist in der Tat bitter.
„Nach anderthalb Jahren, in denen der Songwriting-Prozeß schon im vollen Gange war, hatte ich endlich wieder ein paar adäquate Ideen, die ich der Band präsentieren konnte.“

Eineinhalb Jahre klingt recht lange für einen Kreativkopf wie Kirk Hammett.
„Nun, ich schreibe ununterbrochen Musik“, erzählt uns der Gitarrist. „Aber ich möchte natürlich nur das Beste vom Besten an die Band weitergeben. Von fünfzehn Ideen, die ich schreibe, sind vielleicht ein oder zwei Ideen dabei, die ich für gut genug finde, daß ich sie an Metallica weitergebe. Die anderen Sachen sind auch sehr gut, aber es fehlt immer noch das gewisse Etwas, um es Metallica-tauglich zu machen. Und als ich letztendlich Ideen in den Schreibprozeß geben konnte, waren Lars und James bereits so gut wie fertig. Das ist natürlich bitter für mich, aber das muß ich jetzt schlucken.“

Doch mit einem verschmitzten Grinsen setzt Kirk nach:
„Zumindest habe ich für das kommende Album jetzt haufenweise Killer-Ideen. Darauf könnt ihr euch alle schon freuen.“

Also müssen wir nicht mehr so lange auf das nächste Album warten?
„Oh, ich hoffe, nicht“, antwortet Kirk sofort. „Wenn es an der Zeit ist, daß wir über das nächste Album sprechen, werde ich den Jungs ein riesiges Paket auf den Tisch packen, und ich hoffe, daß dies die Sache dann so richtig ins Rollen bringt.“

Kommen wir zu den ersten drei Singles, die Metallica den hungrigen Fans entgegengeschmettert haben: „Hardwired ... To Self-Destruct”, “Moth Into Flame” und “Atlas, Rise!”. Worüber handeln diese Songs?
„Bei ‘ Hardwired ’ geht es um den derzeitigen Zustand bei vielen Menschen. Warum treffen sie Entscheidungen, die nachweislich schlecht für sie sind?“, beginnt Kirk. „James hat diese These aufgeworfen, daß jeder Mensch, jeder einzelne von uns irgendwo einen Teil im Gehirn hat, der immer irgendwann diese eine verdammt blöde Idee raushaut, die einen ins Chaos stürzen kann. Das fanden wir einerseits recht spaßig, darüber nachzudenken, aber andererseits hat es als Song perfekt gepaßt.“
Text: Pat St. James

 

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