Accept

Halt in stürmischen Zeiten

Man muss kein großer Prophet sein, um heraus zu finden, warum Accepts neuestes Metal-Langeisen den bedeutungsschwangeren Titel „The Rise Of Chaos“ trägt. Schließlich knallt es ja so ziemlich an allen Ecken und Enden auf der Welt – ein Umstand, der nicht einmal den hartgesottensten Metaller zur normalen Tagesordnung übergehen lässt.

Davon ist allerdings mitten in München an diesem sonnig-warmen Nachmittag nichts zu spüren. Wie eh und je wuseln die Touristenströme aller Nationen quer über den Marienplatz in Richtung Rathaus, ergötzen sich am dort dargebotenen Glockenspiel, bevölkern die zahlreichen Biergärten und ziehen sich dort traditionsgemäß die eine oder andere Maß Bier rein. Auf gut deutsch: Hier scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Eine fast schon trügerische Illusion; jedoch eine, die den Menschen offensichtlich guttut.
Verlässlich, traditionell – Attribute, die auch immer auf Deutschlands größten Metal-Export Accept zutrafen; frei nach dem „Persil“-Motto: „Da weiß man, was man hat.“
In diesem Zusammenhang ist es auch vielleicht mehr als eine ironische Fügung des Schicksals zu sehen, dass dieses Quintett Anfang der Achtziger ausgerechnet im nordrhein-westfälischen Solingen laufen lernte, stellt doch die Klingenstadt bis zum heutigen Tag die schnittigsten Messer her und ist damit weltweit führend. Eine Stahlschmiede par excellence also, was wiederum den Nagel auf Kopf trifft, wenn die Rede auf Accepts fünfzehntes Langeisen „The Rise Of Chaos“ fällt.
Dementsprechend zufrieden erwartet Bandmacher Wolf Hoffmann die angereiste Journalistenschar im Münchner Hard Rock Café (wo es sogar auf dem Klo nach Hamburgern riecht) in einem frostig heruntergekühlten Nebenraum, was jedoch der allgemein vorherrschenden entspannten Atmosphäre keinen Abbruch tut.
Der Mann überlässt da nichts dem Zufall, widmet sich explizit jedem Schreiber in heutzutage unüblichen Einzelsitzungen „face to face“ und somit nicht nur am Telefon. Mit einem gewissen Respekt wird denn auch mein noch mit Musikkassette bestücktes Aufnahmegerät in Augenschein genommen, das quasi unabsichtlich einen Bezug zum neuen Dampfhammer-Song „Analog Man“ herstellt. Doch auch „Analog Woman“ Rottmann aktiviert zur Sicherheit auch die Diktierfunktion des mitgebrachten Smartphones und gibt sich so wie der Interviewpartner selbst (der kurz noch seine Mails auf dem Handy checkt), althergebracht moderne Mittel nutzend.

Wolf, erst neulich ist mir die Konzertkarte meines allerersten Accept-Gigs in die Hände gefallen; das war 1983 – zusammen mit Samson und Sinner im Vorprogramm!
„Oh, daran kann ich mich sogar noch erinnern! Ich habe, glaube ich, sogar noch ein Tour-Poster davon; das hängt bei mir auf dem Weg ins Studio an der Wand. Ist ja krass!“

Wie war damals eure Einstellung, Stimmung – wie habt ihr euch damals gefühlt – im Vergleich zu jetzt?
„Schwer zu sagen; man kann sich kaum in diese Zeit zurückversetzen, also wie man sich Jahre zuvor gefühlt hat. Grundsätzlich hat sich an unserer Attitüde gar nicht so viel geändert. Wir hatten immer schon dieses Gefühl des ‘Jetzt erst recht, jeder Auftritt, jedes Interview zählt, man muss sich ständig zu hundert Prozent einbringen und immer sein Bestes geben’. Wir haben so nie den Status erreicht, wo wir irgendetwas schleifen ließen, so nach dem Motto ‘Jetzt haben wir es geschafft, mehr braucht es nicht’. Das ist irgendwie nie eingetreten. Wir haben damals Vollgas gegeben und tun es auch heute noch.“

Den Eindruck habe ich auch. Die Accept-Maschine läuft seit Jahren wie ein gut geschmiertes Uhrwerk, vor allem was die perfekte professionelle Bühnenshow anbetrifft, wobei ich mich frage, ob dies beabsichtigt ist oder sich aus der Situation heraus einfach ergibt.
„Vielleicht wirkt das so, aber das ist nicht so. Eine gewisse Routine stellt sich zwar tatsächlich ein: Man macht jeden Abend auf der Bühne ähnliche Sachen, aber dass alles wirklich abgesprochen oder gar einstudiert ist, ist nicht der Fall. Speziell zwischen Peter [Baltes; d. Verf.] und mir ist in den Jahren so ein Selbstverständnis entstanden – ob im Studio oder beim Konzert – dass man sich gar mehr nicht groß absprechen oder darüber nachdenken muss – wie bei einem alten verheirateten Ehepaar. Die Chemie stimmt einfach.“

Als ich vorher mit dem Labelpromoter über das neue Harteisen sprach, sind wir zusammen auf den Trichter gekommen, dass sich die Fans bei Accept immer gut aufgehoben fühlen, demnach immer nach Hause kommen können.
„Jaha, was dieses Nachhausekommen angeht: Witzigerweise hatte ich das Gefühl, als wir 2008 nach langer Zeit zum ersten Mal wieder live spielten. Da bist du im Vorfeld total aufgeregt, wenn du nach zehn Jahren wieder deine Songs spielen sollst. Tausend Fragen schießen einem durch den Kopf: Geht es noch? Habe ich’s noch? Oder stelle ich mich ganz blöd an und stolpere da oben durch die Gegend? Ich weiß es noch ganz genau: Ich kam auf die Bühne, jagte die ersten Riffs durch den Amp und wusste: Jetzt bin ich wieder da, wo ich hingehöre – ich bin daheim. Und wenn sich das beim Hören der neuen CD oder des Vinyls auf die Fans überträgt, dann würde mich das freuen. Wir sind ja immer bestrebt, jedes Album nach vorne zu bringen, aber nicht indem man großartig Dinge abändert. Wir wollen nur Songs liefern, die genauso klingen, wie man sie sich vorstellt. Mein großes Ideal ist immer, einen Track zu schreiben, den man eigentlich vor dreißig Jahren hätte schreiben sollen, aber seinerzeit nie zustande gebracht hat. Dann ist das Ziel erreicht. Hört sich vielleicht einfach an, ist aber meistens ganz schwierig, weil wir uns ja alle weiterentwickelt haben. Kein Mensch kann sich in das Denken eines Teenagers zurückversetzen. Das geht nicht mehr. Wir sind ja alle älter, hoffentlich weiser und vielleicht auch abgestumpfter geworden. Trotzdem versuchen wir zumindest so zu klingen, als ob es noch so wie früher wäre und der Drive von einstmals noch vorhanden ist.“

Kann ich nur bestätigen: Man spürt das Bemühen, niemals eine Platte unterhalb einer gewissen Messlatte abzuliefern.
„Dankeschön. Wir haben dieses Mal auch lange daran gearbeitet, zehn Stücke zu kreieren, die ein gewisses Level haben. Nicht nur drei, vier Stücke, die richtig reinhauen, und der Rest plätschert so vor sich hin. Das wollte ich unbedingt vermeiden. Ich gebe dann auch so lange keine Ruhe, bis es dann letzten Endes für mich stimmt; bearbeite die Nummern, bis sie mir endlich selber gefallen. Das ist der Maßstab. Ich lasse mir da mittlerweile nicht mehr dreinreden. Sicher, gibt es immer Leute, die meinen, ‘Wieso, ist doch gut, reicht doch’, aber sobald ich selber das komische Gefühl habe, dass da noch mehr gehen könnte, ackere ich daran herum, bis alle Stücke ein ähnliches Level aufweisen.“

Man muss sich einfach auf sein Bauchgefühl verlassen …
„Ja logisch, klar. Ich habe mir in den letzten Jahren sowieso angewöhnt, nicht mehr auf Stimmen von außen zu hören, die mir dann sagen: Wieso, lass’ doch, hört doch eh kein Mensch. Das ist aber der falsche Ansatz. Wenn ich mir die Sachen Jahre später anhöre, ärgere ich mich dann darüber und frage mich, wieso ich das so habe stehen lassen. War doch gar nicht richtig geil. Letzten Endes sah ich mich immer darin bestätigt, da diese Geschichten wenig erfolgreich ausgingen.“

Wenn man mal die Liste der ehemaligen Accept-Mitglieder durchgeht: Welcher Musiker – mal von Udo Dirkschneider abgesehen – hinterließ einen nachhaltigeren Eindruck bei Accept?
„Generell ist es ja so, wenn jemand das Boot von Accept verlassen hat, dann entschwindet er gänzlich meinem Gesichtsfeld. Dann will ich auch nicht mehr über denjenigen reden, weil ich das nicht gut finde. Jeder fällt seine eigenen Entscheidungen im Leben, muss sehen, welchen Weg er für sich als richtig erachtet. Wir respektieren das, aber damit hat es sich dann auch. Dann ist Schluss. Deswegen will ich das auch nicht aus der Entfernung Jahre später kommentieren.“

Anders gefragt: Durch was qualifiziert sich ein Bandmitglied für Accept?
„Also, zunächst einmal muss ein bestimmtes Level vorhanden sein. Wir haben jetzt gerade wieder zwei hervorragende Leute rekrutiert; aber was mindestens genauso wichtig oder beinahe noch bedeutender als alles andere ist: Es muss ein gut erträglicher Mensch sein, mit dem man gerne unterwegs ist und der Spaß an der Sache hat. Es nützt einem ja alles nichts, wenn der Mann ständig schlecht gelaunt und ungern dabei ist.“

Also nichts außergewöhnlich Überirdisches, wie im echten Leben auch.
„Genau! Ungefähr vergleichbar, wen du in der Firma am Schreibtisch gegenüber sitzen hast. Da willst du auch nicht jemanden haben, der dauert herummosert oder das Gefühl hat, er ist zu Höherem geboren, und sich deshalb für die Arbeit viel zu schade ist. Im Gegenteil, da soll jemand hocken, mit dem du dir die Aufgaben teilen kannst und der gerne mit von der Partie ist – vor allem, wenn man viel reist. Qualifikation ist also nicht alles; der Mensch an sich muss passen, da man viel Zeit miteinander verbringt. Da haben wir jetzt in den letzten zwei Jahren ein super Team um uns geschart; die Stimmung innerhalb der Band ist derzeit besser denn je. Gerade mit dem Uwe; ein superlieber Typ, der beinahe schon mehr ein Freund als ein Arbeitskollege für mich ist.“

Jener trat ja zunächst als Live-Techniker bei euch in Erscheinung.
„Das hat er aushilfsweise tatsächlich gemacht.“

Der besaß auch mal ein Studio in Frankfurt.
„Das gibt es immer noch, er produziert dort bis heute Bands. Ein echter Allrounder eben.“

Gibt er dann in puncto Produktion seinen Senf dazu?
„In diesem Fall ist er in die Produktion weniger eingebunden, denn der Songwriting-Prozess läuft bei uns in relativ festen Bahnen ab und wird von mir und Peter in Amerika gestaltet, schon deshalb, weil wir beide dort wohnen. Aber natürlich ist er super hilfreich, wenn es gilt, Angelegenheiten im Umfeld zu regeln oder etwas dazu beizusteuern.“

Kann man denn mit dir in Diskurs gehen? Bist du eine Person, die sich gerne mit anderen austauscht?
„Na sicher. Ich höre mir schon gerne Meinungen an. Nur kann in einer Combo wie Accept nicht jeder der Koch sein. Das geht nicht, es kann nicht jeder an der Sache herumwerkeln. Früher haben wir die Songs zusammen im Team geschrieben, was weder einfach noch in der Folge davon besonders fruchtbar ausfiel. Stell dir mal vor: Du sitzt da mit vier oder fünf Leuten in einem Raum, jeder ist an dem Tag verschieden drauf, hat eine andere Vorstellung, und am Ende kommt gar nichts dabei raus. Dann bitte schon lieber zu zweit, weil man zumindest einen braucht, der einem den Ball wieder zurückschießt, von dem man Feedback erhält und der eine andere Sichtweise einnimmt. Das halte ich für die produktivste Arbeitsweise, was die Produktion angeht. Darüber hinaus gibt es natürlich viele andere innerbetriebliche Prozesse zu bewältigen und da sehe ich schon in erster Linie mich als Motor und Macher – gar keine Frage.“

Frauen spielen ja nicht nur in den Texten eine gewisse Rolle, sondern haben bei Accept einen besonderen Stellenwert. Ich spreche da vor allem über Eine: deine Frau Gaby Hoffmann.
„Ohne die geht gar nix. Die ist die Powerperson schlechthin, weshalb ich ihr heuer auch einen Satz in den Alben-Credits gewidmet und darauf hingewiesen habe, welchen Anteil sie an allem hat, denn eins ist klar: Ohne Gaby gäbe es Accept gar nicht. Ohne Übertreibung hat sie von Anfang der Achtziger die Geschicke der Band gelenkt und unermüdlich hinter den Kulissen daran gearbeitet. Hat Texte mitgeschrieben, Platten-Cover mitentworfen …“

Wie kam es denn eigentlich dazu? So etwas war ja gerade für damalige Verhältnisse in der Musikszene ziemlich unüblich.
„Man hat halt aus der Not eine Tugend gemacht, weil unser Sänger keine Texte verfassen konnte, da es am nötigen Englisch haperte und wir als dumme, junge Buben aus dem Ruhrpott keine Ahnung vom Musikgeschäft hatten. So half sie uns, und das hat sich über viele Jahre hinweg so erhalten. Heutzutage schreibt natürlich der Mark [Tornillo, Vocals] die Lyrics, aber sie ist immer noch am Start und gibt uns wertvolle Anregungen mit auf den Weg. Auch sie ist der Motor bei Accept und diejenige, die jetzt im Hotel am Laptop sitzt und mit Labeln, Bookern auf der ganzen Welt kommuniziert und mit denen strategische Dinge ausbaldowert.“
Text: Petra Rottmann
Pic: Nat Edeme

 

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