Tobias Sammet's AVANTASIA

Höher, Größer, Weiter ... oder Leidenschaft, die Leiden schafft!

Keine Frage, mit seinem Projekt Avantasia hat Edguy-Frontmann Tobias Sammet im Laufe der Jahre seine Stammcombo erfolgstechnisch abgehängt. Seit 2008 läuft es für den Hessen und seinen mit hochkarätigen Gästen gespickten Metal-Zirkus wie geschnitten Brot, und die Tourneen führen die Schar mittlerweile rund um den Globus. Die größten Hallen sind nahezu alle ausverkauft und in diesem Jahr geht es für den Tross sogar erstmalig nach Australien! Grund dafür ist, neben dem Konzept, die neue Scheibe „Moonglow“, die seit Anfang Februar in den Regalen für die vielen Fans bereitsteht. Es ist für mich jedes Mal ein ausgesprochenes Vergnügen, mit Tobi ein Interview zu führen, weshalb ich mich freue, nach zwei Telefonaten in der Vergangenheit ihm nun in Düsseldorf bei einer Tasse Kaffee und Gebäck gegenübersitzen zu können. An Stoff für meine Fragen mangelt es natürlich in keinster Weise und Informationen für die Fans waren für Tobi noch nie ein Problem. Ich habe in den Jahren meiner Tätigkeit für unser Magazin schon viele Musiker kennengelernt, aber solch ein enthusiastischer, selbstbewusster, gleichzeitig selbstkritischer und begeisterter Künstler wie Tobias Sammet fällt mir nicht ein. Obwohl ich den bekennenden FC Bayern München-Fan aufgrund der schlechten Hinserie zunächst ein wenig ärgern möchte. Von der „Golden Steak“-Affäre durch Franck Ribery war zu dieser Zeit leider noch nichts zu hören, wobei Tobi den 2. Tabellenplatz hinter dem BVB ganz entspannt sieht …

„Ach du … Ich übernehm keine Verantwortung dafür, haha! Es ist eigentlich auch mal ganz schön, dass es mal so ist, dann wissen die da oben es mal zu schätzen, wie es die ganzen letzten Jahre so lief beim FC Bayern. Ich muss zugeben, ich bin momentan auch so gestresst, dass ich das ganze Elend gar nicht so richtig mitverfolgen kann. Die müssen jetzt einfach zusehen, dass sie das einfach ohne mich wieder hinkriegen.“

 

Okay, das sollte zum Aufwärmen auch schon reichen. Es gibt schließlich Wichtigeres zu bereden, und zwar das neue Avantasia-Album „Moonglow“. Handelt es sich denn um eine Fortsetzung von „Ghostlights“? Ich frage deshalb, weil im Opener die Textzeile „Mystery Of A Blood Red Rose“ eine mögliche Verbindung vermuten lässt.

„Nein, ‘Moonglow’ ist keine Fortsetzung von ‘Ghostlights’. Es ist eigentlich mehr oder weniger Zufall, dass diese Textzeile vorhanden ist. Bei der Vorproduktion singe ich nämlich zunächst Kauderwelsch, weil die Texte noch nicht fertig sind, weshalb ich einfach den Satz eingebaut habe. Sascha [Paeth, Gitarrist und Produzent – Anm. d. Verf.] meinte, dass es sich total geil anhört, weil es den Hörer sofort wieder abholt und gleichzeitig eine Reminiszenz an den Vorgänger ist. Aber ‘Moonglow’ ist eine eigenständige, komplett neue Platte und hat mit dem Konzept von ‘Ghostlights’ nichts zu tun. Es ist zwar auch ein Konzeptalbum, erzählt aber nicht, wie zum Beispiel bei einem Broadway-Musical, eine durchgehende Geschichte mit Spannungsbögen. Vielmehr basiert das Album zwar auf einer Geschichte, bei der die Songs jedoch eher einzelne, abgeschlossene Kapitel darstellen, die auch für sich stehen können. Ich beschreibe es mal so: Es sind elf individuelle Gedichte, die zusammen ein Gesamtkunstwerk ergeben und miteinander verwoben sind, aber nicht chronologisch eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte mit Handlungsstrang so wie beim Film oder im Buch ist für mich eine weniger spannende Kunstform. Denn man hat in der Musik so rund 60 Minuten Zeit, etwas zu erzählen, und das ist sehr schwierig. Du musst viel erklären, was dir viel Zeit und Raum nimmt, die du für Poesie und Interpretationen nutzen könntest.“

 

Diese Poesie mit dem dazugehörigen musikalischen Bombast sind ja seit jeher Markenzeichen bei Avantasia, genau wie die Gäste. Erzähl doch einfach mal etwas zu einigen der Songs, wobei du ja ganz nebenbei etwas zur Rahmenstory loswerden kannst.

„Okay, fangen wir am besten beim Opener ‘Ghost In The Moon’ an. Ein sehr langes, organisches und recht typisches Avantasia-Stück. Es soll den Hörer gleich mitnehmen in diese Welt voller Mystik rund um ‘Moonglow’. Die ganze Geschichte handelt von einer Kreatur, die in eine Welt hineingeschaffen wird, in der sie keinen Platz für sich findet und keine Verbindung zu ihrer Umwelt aufbauen kann. Sie fühlt sich angewidert und abgestoßen von der glänzenden Oberfläche der Starken und Schönen, weshalb sie in die Dunkelheit flüchtet, um für sich und unsichtbar zu sein. Es ist prinzipiell so etwas wie eine ‘Frankenstein-’ oder ‘Phantom der Oper’-Geschichte. Die Kreatur flüchtet, weil sie sich den Erwartungen der Realität nicht gewachsen fühlt. In der Dunkelheit findet sie also eine eigene Realität, die abseits im Schatten des schönen Tageslichts liegt. Die elf Songs sind Auszüge aus der Gedankenwelt dieser Kreatur und was sie erlebt, wenn sie mit den verschiedenen Aspekten der Realität konfrontiert wird. Im Grunde genommen habe ich eine Welt geschaffen, die mir ermöglicht hat, meine eigenen Erfahrungen, Erlebnisse und das was ich mit mir rumtrage rauszulassen. Das war für mich das Schönste, denn ich habe etwas Autobiografisches geschrieben, aber so verpackt, dass ich mit einer gewissen Distanz darauf blicken konnte. Und habe gleichzeitig eine von der schwarzen Romantik beeinflusste, düstere Tim Burton-Welt geschaffen. Und somit schließt sich der Kreis wieder, denn ‘Ghost In The Moon’ handelt eben davon, dass sich die Kreatur nur im Dunkeln wohlfühlt, im Schatten des Mondlichts eben. Der Song ist viel komplizierter, als man meint, denn er hat unheimlich viele Tempowechsel. Ein sehr dynamischer Titel, bei dem wir vorher noch nie so viel Aufwand mit Chören betrieben haben. Wir haben extra dafür einen Gospel-Chor in Hamburg angemietet, der normalerweise dort bei Musicals singt! Wir haben anderthalb Tage nur für diesen Song Backing-Vocals aufgenommen. Mit dieser Liebe zum Detail sind wir an jeden Track herangegangen, und da wir uns viel Zeit gelassen haben, gab es auch keinen Stress.“

 

War das vorher etwa anders?

„Also, als ich von der ‘Ghostlights’-Tour zurückkam, wusste ich gar nicht, was ich als Nächstes machen wollte. Aber jeder andere schien das zu wissen! Das hat mich ein bisschen irritiert, ehrlich gesagt. Der eine wollte eine neue Edguy, der andere eine Live-CD, und wo bleibt eigentlich die DVD, wieder andere wollten Songs mit dem und dem und so weiter. Ich sagte einfach ‘Halt, ihr habt doch alle einen Dachschaden, ich werde seekrank!’. Ich hatte insgesamt siebzehn Alben und zehn Welt-Tourneen auf dem Buckel. Ich hatte ja nicht nur diese Platten geschrieben und die Tourneen gesungen, sondern auch alles organisiert und gemanagt. Du musst einfach aufpassen, dass du dir bei deiner Karriere deine Intuitionen erhältst. Diese Intuition, mein Spieltrieb und meine teilweise naive Freude daran, Musik zu machen, haben mich immer geleitet. Irgendwann merkte ich dann, dass ich völlig fremdgesteuert war. Klar, meine eigene Schuld, weil ich das Tempo ja vorgelegt habe. Die Agentur wusste Bescheid, die Plattenfirma konnte ebenfalls in einem Jahr mit einer neuen Platte rechnen und die Fans wussten, dass er bald wieder auf Tour sein wird. Nach der letzten Tournee hatte ich keinen Plattenvertrag mehr, weder für Edguy noch für Avantasia. Ich hatte dann eigentlich vor, eine Solo-Platte zu machen und ein Studio zu bauen. Also baute ich mir ein Studio, und aus der Solo-Platte wurde eine neue Avantasia-Scheibe. Ich habe mir auch einen Rechtsanwalt genommen, der einen Vertrag ausgearbeitet hat, alleine ist mir das alles einfach zu viel geworden. Und lustigerweise, weil ich ja aus meinen angestammten Bahnen ausbrechen wollte bin ich wieder bei Nuclear Blast gelandet, haha! Und dadurch habe ich mir eine Menge Zeit freigeschaufelt, in der wir einige verrückte Sachen ausprobiert haben. Und jetzt komme ich wieder zurück, denn wir haben bei ‘Moonglow’ einfach gemacht, worauf wir Bock hatten. Ich wollte große Chöre, alles klar, holen wir einen Gospelchor wie bei der ‘Rocky Horror Picture Show’, nur etwas dramatischer oder europäischer vielleicht. Es war einfach alles erlaubt. Genauso lief es bei ‘Book Of Shallows’. Da sind so harte Elemente drin, wie wir sie bei Avantasia noch nie hatten! Die ersten drei Minuten sind eher typisch Power Metal mit Double-Bass, große Melodien und sehr episch gehalten. Dann wollte ich ein Break, damit der Song nicht nach zu viel Zuckerguss klingt. Ich wollte die Härte auf die Spitze treiben und habe schon oft mit Mille Petrozza gesprochen, dass er mal bei Avantasia mitmachen muss. Das haben wir dann gemacht, obwohl einige in meinem Umfeld fragten, ob das denn noch zu Avantasia passen würde? Doch klar, ich entscheide, was zu Avantasia passt, es kann ein Slap-Bass sein, es kann ein Gospelchor, eine Keltische Harfe oder Mille Petrozza sein! Avantasia ist meine intimste, persönlichste Spielwiese, die ein Musiker überhaupt haben kann. Wenn ich da irgendwen um Erlaubnis fragen muss, ob ich diesen oder jenen einbauen darf, dann kann ich auch aufhören.“

 

Gott bewahre! Bei „Moonglow“ gibt es mit Candice Night, immerhin Gattin von Ritchie Blackmore, eine weitere Überraschung zu hören!

„Ja, es ist ein Song, der schon etwas länger in der Pipeline war. Den hatte ich im Grundgerüst schon bei ‘Ghostlights’ stehen, habe ihn jetzt noch einmal leicht geändert, den Text angeglichen und wir suchten noch eine geeignete Sängerin. Der Song hat zwei völlig unterschiedliche Elemente, er ist im Chorus stimmlich sehr fordernd, hat etwas Hymnisches und ist von daher sehr schwierig zu singen. In den Strophen ist er sehr intim, ruhig und ja … unschuldig. Und ich brauchte eine Stimme, die beides verbindet, und auch da ist die Intuition sehr wichtig. Ich lehnte mich zurück und dachte irgendwann an Candice Night. Sie hat sofort zugesagt, einfach super!“

 

Da hätte sie doch einfach mal ihren Gatten fragen können, ob er nicht ein schönes Riff und/oder ein paar Soli beisteuern könnte!

„Bei dieser Familienkonstellation ist dieser Gedanke natürlich sehr verlockend. Jetzt kommt das große Aber: Da ich ja mit Sascha den besten Gitarristen der Welt als Produzent habe, wäre ich mit dem Klammerbeutel gepudert! Ohne Scheiß, Sascha ist kein Kackenhauer und legt keinen Wert darauf, sich selbst nur ansatzweise so teuer zu verkaufen, wie er das könnte. Und ich glaube, wenn Sascha die Ehre zuteilwerden würde, so wahrgenommen zu werden, wie er ist, dann könnte ich ihn mir nicht mehr leisten. Er ist einfach der beste Musiker, den ich je getroffen habe! Das sage jetzt nicht nur ich, sondern auch ganz große Kaliber. Klar, ein Solo von Ritchie wäre lustig gewesen, aber ehrlich, daran habe ich nicht gedacht, denn wir haben gar nicht so viele Gitarrensoli auf der Platte. Selbst Oliver Hartmann, ebenfalls ein verdammt geiler Gitarrist, hat nur bei einem Stück seine Parts, weil wir mehr Gesang auf der Scheibe haben. Ich finde ab und an lange Soli interessant, aber großen Gesang mindestens genauso interessant. Es hat sich bei ‘Moonglow’ eben so ergeben.“

 

Da wir gerade beim Thema großer Gesang sind, komme ich gleich auf den nächsten „Neuen“ in der Avantasia-Familie, nämlich Hansi Kürsch von Blind Guardian unter anderem beim Zehnminüter „The Raven Child“.

„Genau, Jorn Lande und Hansi sind in diesem Stück mit dabei und auch Hansi ist jemand, der mir schon länger im Kopf herumgeisterte und den ich schon früher gern dabeigehabt hätte. Es hatte sich aber bisher aufgrund der verschiedenen Zeitplanungen bis jetzt nicht ergeben. Beim Intro zu ‘Ravenchild’ war es im Vorfeld eigentlich klar für mich, dass es eine Frau singen müsste. Der Part ist folkig und hat durch die Keltische Harfe eine besondere Stimmung. Das war übrigens genauso wie beim Gospelchor. Wir leben nur einmal und wollten unbedingt eine echte Keltische Harfe. Ganz oldschool sind wir im Internet bei YouTube auf eine Harfinistin gestoßen … heißt das so, Harfinistin? Eine Harfe-Spielerin eben, haha! Jedenfalls schrie dieser Part nach einer Sängerin, was mir später zu offensichtlich vorkam. Weißt du, die Vorstellung von weiten Gewändern, dazu die Harfe und die irische Küste, vielleicht würde es annähernd jeder genauso machen, aber wir eben nicht! Also fragten wir Hansi, der ja mit folkigen Sachen mit Blind Guardian wie zum Beispiel dem ‘Bard’s Song’ durchaus seine Erfahrungen hat und gut passen würde. Hansi war begeistert und sagte, das brächte den Barden in ihm zum Vorschein. Jorn ist bei der Nummer ebenfalls Weltklasse, aber das muss man eigentlich niemandem mehr erklären, der Typ ist einfach eine Naturgewalt. Das macht übrigens das Touren mit Avantasia zu einem großen Vergnügen. Alle Sänger sind großartig, egal ob Jorn, Geoff Tate, Ronnie Atkins oder Bob Catley … das nimmt so viel Druck von mir! Selbst wenn du mal einen scheiß Abend hast … und jeder hat mal einen. Das ist halt so, wenn du kein Playback machen willst, musst du den Leuten auch mal zumuten, dass es hier und da vielleicht mal etwas kratziger wird. Wenn du schon fünf Wochen in den Beinen und auf den Stimmbändern hast, dann kommt vielleicht eine Erkältung oder eine Virus-Infektion dazu, ist ein stimmlicher Qualitätsverlust oft nicht zu vermeiden. Aber wenn du solche Sänger hinter dir hast, ist das viel einfacher. Ich krätz mir halt hier einen ab, aber wartet noch zwei Minuten, dann kommt da hinten einer die Treppe runter, der euch alle wegblasen wird! Und das fühlt sich einfach gut an, dann muss man sein Ego einfach mal zurückstellen können, womit ich überhaupt keine Probleme habe. Ich habe ‘Ravenchild’ schon sehr aggressiv eingesungen, aber im Frequenz-Spektrum von Jorn macht ihm keiner etwas vor!“

Text: Peter Hollecker

Pic: Alex Kuehr

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