REO Speedwagon

Die wilden Siebziger wiederbelebt

„Keep On Loving You“ und „Can’t Fight This Feeling“, bei vielen deutschen Rockfans geht der Horizont im Falle REO Speedwagon nicht über diese zwei Welthits hinaus. Und ich war jahrelang auch nicht besser, bis man mich auf die Frühphasen von Journey und eben dieser Band aufmerksam gemacht hat. Das Leben vor REO-Speedwagon als riesigem Stadion-Act wurde nun in einem Boxset namens „The Early Years 1971 – 1977“ würdig aufgearbeitet und nicht wenige dürften erstaunt über die ersten sechs Studioalben und die grandiose Livescheibe von 1977 sein.

Urmitglied Neil Daughty (72, Keyboards) nimmt sich anlässlich dieser Veröffentlichung, die uns der Reissue-Spezialist Cherry Red aus England kredenzt, Zeit für das Break Out, in dem REO Speedwagon natürlich alles andere als Unbekannte sind. Anhand der Liner-Notes von Malcolm Dome wird klar, dass die Band selbst an diesem Projekt beteiligt war.
„Das stimmt, Malcolm Dome hat uns alle im Interview für dieses Boxset gehabt, was gut war, denn es gab schon ein paar Dinge, an die ich mich nach all den Jahren auch nicht mehr ganz erinnern konnte. Wir waren seit den Siebzigern nicht mehr in Deutschland, aber ich weiß, dass wir bei euch viele Fans haben. Die allerdings kennen eher unsere großen Hits aus den späten Siebzigern und frühen Achtzigern und ich bin mir sicher, dass es viele Leute gibt, die diesen Teil unserer Karriere gar nicht kennen. Da sind Songs, von deren Existenz einige Fans gar nichts wissen, und einige davon sind vielleicht gut“, lacht Neil, der hier gnadenlos tiefstapelt. „Es ist ein wenig wie eine Geschichtsstunde, auf der man Stücke entdecken kann, die man zuvor nicht kannte“.

Die Box enthält die ersten sechs Studioalben und schließlich die Livescheibe von 1977. Habt ihr zu dieser Zeit einen Erfolg in Europa wahrnehmen können?
„Wir waren mehrere Male in Europa unterwegs, aber wie gesagt, dort nahm man uns erst in den frühen Achtzigern wahr. Trotzdem waren unsere größten Konzerte damals in Deutschland, ganz einfach weil dort so viele Soldaten stationiert waren. Wir spielten also diese Gigs, aber ich glaube nicht, dass sich im Publikum Deutsche befanden“, schmunzelt Neil. „Wir waren eigentlich nur bei euch, um unsere Truppen zu unterhalten. Bist du gerade in Deutschland?“, fragt mich Neil, was ich bejahe. „Wir waren bei euch unterwegs, bevor wir eine Hitsingle hatten. Ich mag Deutschland sehr und außerdem bin ich ein BMW-guy. Ich selbst habe einen“, verrät Neil und ich schlage ihm direkt vor, doch Bayern zu besuchen um sich das BMW-Werk anzuschauen. „Oh, ich war in München in dieser großen Fabrik, aber das ist schon etwas länger her“, erinnert sich Neal.

Und bei dem Bandnamen ist das Thema Autos auch nicht völlig deplatziert. Bevor wir aber abschweifen, sinniere ich mit ihm darüber, dass es in der Tat einige Fans in unseren Breiten überraschen wird, dass es ein Leben vor den Megahits gab, welches nun in diesem Boxset vorliegt. Wie aber sah es mit dem Erfolg in der Heimat USA während dieser Phase aus?
„Zu dieser Zeit hatten wir noch keinen riesigen Erfolg. Wir spielten eher kleinere Shows, aber am häufigsten wurden wir als Opening-Acts von größeren Bands gebucht. So tourten wir mit den Eagles, Joe Walsh oder den Doobie Brothers, den großen Gruppen aus dieser Zeit eben. Vor allem im Mittleren Westen, wo wir damals den größten Erfolg hatten. Dort hatten wir den Ruf, eine Vorgruppe zu sein, die für Ticketverkäufe sorgt. Irgendwann nannte man uns den bekanntesten Opening-Act der Welt“, lacht Neil. „Das war es, was wir damals machten. Wir hatten wirklich Hardcore-Fans im Mittleren Westen, aber wir haben es dennoch nicht geschafft, zu dieser Zeit große Headlinershows zu spielen. Das änderte sich dann in den Achtzigern. Dieses Boxset zeigt den Fans auch, was wir damals getrieben haben, bevor die großen Hitsingles kamen. Und mir ging es kürzlich ähnlich. Ich habe herausgefunden, dass Fleetwood Mac als Bluesband begonnen hat. Das hat mich überrascht, denn ich kannte sie nur als die bekannte, radiofreundliche Gruppe, als die sie auch bekannt sind. Doch auch sie haben als Bar-Band angefangen, kaum zu glauben und irgendwie auch cool. Das hat mein Empfinden für Fleetwood Mac geändert. Das könnte diese Box auch mit unseren Fans bewirken. Es umfasst die Zeit, in der wir uns formiert haben und natürlich auch noch gelernt haben, wie es richtig geht, was wir ja dann auch geschafft haben“, gibt Neil zum Besten.

Ich selbst bin sowohl Metalfan, als auch Liebhaber von Siebziger-Hardrock und wurde in dem Jahr geboren, als euer Debüt erschien. Als ich vor wenigen Jahren diese Scheibe das erste Mal hörte, war ich doch erstaunt, wie heavy einige der Songs sind. Das gilt auch für die folgenden Alben, die sich nun gesammelt in diesem Set befinden. Da könnte man schon fast den modernen Begriff „Proto Metal“ verwenden.
„Unser Gitarrist Gary Richrath, der auf diesen Alben zu hören ist, hatte einen großen Einfluss auf unsere Musik. Oftmals ist es ja der Sänger, der die meisten Songs schreibt, aber wir hatten auf diesem Posten so viele Wechsel, so dass Gary quasi unsere Konstante im Line-up wurde. Zu dieser Zeit war es im Grunde auch seine Band und er liebte es, viele Gitarrenspuren auf jede Platte zu packen. Das hat uns diesen härteren Sound gegeben. Als Kevin Cronin zurückkehrte, hatte er in der Zwischenzeit auch neue Stücke geschrieben, die allerdings eher soft und balladesk waren. Trotzdem fügte Gary diese Heavy-Gitarren hinzu und dann bekamen auch diese Titel mehr Power. Die Mischung aus Kevins eher akustischen, ruhigen Songs und Garys harten Gitarren ist im Grunde das, was später viele Gruppen in den Achtzigern gemacht haben. Sie hatten zwei unterschiedliche Songwriter, die irgendwie auf einen Nenner kamen. Aber es ist schon richtig, dieses Material ist härter als das, was man von uns aus den späten Siebzigern und Achtzigern kennt. Es war eben Full-on-Rock ’n’ Roll“, liefert Neil einen Begriff, den man nicht übersetzen muss.

Kollege Marco Magin erzählte mir kurz vor dem Interview von einer irren Menge an Shows, die REO Speedwagon in den Siebzigern jedes Jahr absolvierten. Neil, bitte gib uns doch hier mal eine Schlagzahl.
„Es müssen wenigstens 200 Gigs gewesen sein und dann kommt auch noch die Zeit dazu, die man zum Reisen braucht. Es war wirklich ein konstantes Touren, aber wir mussten ja auch noch neue Alben aufnehmen. Also kamen wir direkt ‘from the road’ und gingen ins Studio. Wir waren also durchgehend mit Spielen und Aufnehmen beschäftigt. Keine Ahnung, wie wir da noch Zeit zum Schlafen gefunden haben, aber wenn man in seinen Zwanzigern oder Dreißigern ist, hält man sowas natürlich noch gut aus. Heute bin ich ja bereits über 40“, lacht Neil, der dabei mal eben 32 Jahre on top lachend unterschlägt. „Na ja, wir geben nicht auf und es sind genug Musiker unterwegs, die auch noch mit 80 auf Tour sind. Wie heißt es so schön? Rock ’n’ Roll hält dich jung, oder er tötet dich. Aber ja, wir waren immer beschäftigt und meine Frau habe ich zu dieser Zeit selten gesehen. Ich hatte da keine Kinder, was wohl rückblickend auch gut so war, da ich nicht die Zeit gehabt hätte, mich um sie zu kümmern. Ich glaube, wir haben so ziemlich in jeder Stadt der Vereinigten Staaten gespielt“, vermutet Neil.

Seit den Siebzigern, besonders ab Mitte/Ende der Achtziger, haben sich das Equipment und die Aufnahmeverfahren in den Studios sehr stark geändert. Und ehrlich gesagt vermisse ich oft diesen Sound, wie er auf diesen sechs Studioalben zu hören ist. Wie war das damals, habt ihr teilweise live aufgenommen?
„Es ging immer damit los, das wir alle zusammen gespielt haben und das aufgenommen haben. Das taten wir auch für den Drummer, denn es verbessert sein Spiel, wenn die ganze Band zugange ist. Es gab auch damals schon die Möglichkeit, separat die Instrumente aufzunehmen, aber wir versuchten stets, so viel möglich von den gemeinsamen Takes zu behalten. Das ist zwar zeitintensiver, aber es war uns wichtig. Natürlich wurden die Soli und auch der Gesang später als Overdubs aufgenommen. Aber wie gesagt, uns ist ein guter Rhythm-Track am wichtigsten und das erzielten wir, indem möglichst viel als Band auf die Bänder kam“, erklärt Neil und katapultiert uns damit in die Zeit, in der die Bandmaschinen noch heiß gelaufen sind.

Heute läuft das alles mit Programmen wie ProTools am Computer, was in vielen Fällen (siehe gleich drei meiner CD-Reviews in diesem Heft) für einen kalten Klang sorgt und das Feeling, eine Band zu hören, vermissen lässt.
„Ganz ehrlich, ich finde es hat mehr Spaß gemacht in diesen Jahren, Alben aufzunehmen. Man konnte lediglich ab einer bestimmten Stelle in einem Song nochmal neu einsteigen, aber viel mehr konnte man nicht tricksen. Heute kannst du einzelne Noten mit einem Mausklick verschieben oder kopieren. Wenn man einen Fehler gespielt hat, dann muss man diesen Part noch nicht mal wiederholen, wenn er in dem Stück bereits in perfekter Form vorkam. Er wird einfach kopiert und an die richtige Stelle gesetzt. Du musst auch wissen, dass viele coole Dinge auf den Alben der Siebziger eigentlich ein Unfall waren. Da passiert etwas Ungeplantes und man dachte, wie cool sich das doch anhören würde. Das gibt es leider heute nicht mehr, denn man hat ja fast keine Chance mehr, einen ’coolen Fehler’ zu machen. Unerwartete Momente, die eben nicht geplant waren, findet man auf heutigen Alben nicht mehr“, spricht mir Neil aus der Seele.
Text: Andreas „Neudi“ Neuderth
Pics by Cherry Red Records

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