Gotthard

Silberhochzeit

Mit „Silver“, so der Titel des neuen Gotthard-Langeisens, haben die Schweizer gleichwohl in mehrfacher Hinsicht den Nagel auf den Kopf getroffen: Umreißt er doch in einem Wort das anstehende fünfzwanzigjährige Bandjubiläum; unterstreicht zudem die enge, unverwüstliche Verbindung zwischen den Musikern und könnte sogar mit einem schelmischen Augenzwinkern als Anspielung auf weitere Edelmetall-Auszeichnungen an der gut bepflasterten Trophäenwand gesehen werden.

Davor hat der Rock ’n’ Roll-Gott noch einen Haufen Arbeit hingelegt, denn: Kein Zweifel, Gotthard sind im Streß. Schließlich ist es mit der Fertigstellung eines neuen Albums nicht getan, für die bereits mit den Pretty Maids in Stein gemeißelte Tour im Frühjahr muß die immer schwierigere Auswahl der Songs gestemmt, dann fleißig geprobt und so nebenbei ein – dem Anlaß ädequates – Bühnen-Konzept an die Seite gestellt werden. In so einem Trubel gerät dann so mancher Interviewtermin ins Hintertreffen, so daß sich unsereins anstatt mit dem altgedienten Haudegen Leo Leoni justament mit Sänger Nic Maeder konfrontiert sieht. Ein „Ersatz“, der meines Erachtens nicht so sehr ins Gewicht fällt. Man hätte zwar wohl eher mit Leo die fünfundzwanzig Jahre andauernde Historie des Hardrock-Massivs bekaspern können, doch ein frischer, unbedarfter Blick aus der Perspektive des Schweiz-Australiers Maeder offenbart vielleicht noch den einen oder anderen neuen Aspekt.
Schließlich hatte der ganze fünf Jahre Zeit, sich das Bergmassiv von allen Seiten zu betrachten und sich dadurch auch seinen ganz persönlich angestammten Platz in der Bergkrone zu sichern. Denn eins muß auch ihm von vorne herein klar gewesen sein: Den verblichenen Steve Lee nur am Mikro zu ersetzen, reicht bei weitem nicht und ist vielleicht sogar – trotz stimmlicher Ähnlichkeit – ganz und gar unmöglich. Vielmehr geht es darum, allen Widrigkeiten zum Trotz, mit Band wie Fans nach vorne zu blicken und positiv weiterzugehen, so daß der Spaß an der Sache für alle Beteiligten erhalten bleibt.
Das Nic dafür genau der richtige Mann ist, wird schon an der Tatsache deutlich, daß jener stoisch ruhig aus einem wirr wuselnden „Bienenkorb“ geradewegs aus einem Bandmeeting anzurufen scheint. Also gehen wir gleich in die Vollen:

Wie fühlt es sich denn für dich an, in einer so altgedienten Truppe zu singen?
„Ich bin ja erst seit fünf Jahren mit an Bord, dennoch war es einst auch für mich mit auschlaggebend in eine Band einzusteigen, die schon so lange aktiv ist und immer noch miteinander durch dick und dünn geht. Es gibt doch so viele Combos, die so lange miteinander spielen, jedoch privat untereinander kaum ein Wort mehr wechseln. Ohne Zweifel gehört es doch zudem zum Traum eines jeden Musikers, mit den besten Kumpels eine Gruppe zu starten und mit dieser über Jahre hinweg auch noch erfolgreich zu sein. Insofern bin ich einfach nur froh, ein Teil davon zu sein!“

War es anfangs nicht sehr schwer, sich in diese althergebrachte Verbindung einzufügen?
„Nicht wirklich, schließlich sind wir alle Schweizer, und das allein half schon viel. Stammt man aus demselben Land, verfügt man über denselben kulturellen Background; man versteht sich quasi blind. Die Jungs verstanden es überdies sehr gut, mich quasi ins Team Gotthard einzubinden. Natürlich geschah dies alles nicht über Nacht, doch mit jedem Jahr wuchsen wir stärker zusammen.“

Sechs Lenze ist das inzwischen her, wie bist du mit der Trauer innerhalb Gotthards über Steve Lees Ableben umgegangen?
„Ohne Zweifel spielte Steve bei dem, was Gotthard in den Anfangsjahren alles erreichten, eine große Rolle. Ich erinnere mich an den Entstehungsprozeß vom höchst emotionalen ‘Where Are You’, ein Lied, das  eo Steve auf ‘Firebirth’ widmete und das ich singen mußte, was auch für mich nicht so leicht war, da der Geist von Steve hier über allem ‘schwebte’. Und obwohl ich Steve nie in Person getroffen habe, haben mir die anderen so viele teilweise identische Geschichten über ihn erzählt, so daß ich ihn gut zu kennen glaube. Er war also nie tabu, sondern immer präsent, und dadurch hofften wir alle natürlich inständig, daß auch die Fans das begreifen würden.“

Der Großteil der Gotthard-Anhänger folgte diesem Ansinnen, was letzten Endes auch für Nic die Sache leichter machte. „Silver“, der zwölfte Gotthard-Streich, paßt da als Motto wie die berühmte Faust aufs Auge, hält er doch mannigfaltige Deutungsweisen parat (siehe Einleitung) und kommt durch seine vorhandenen reflektierenden Momente im Winter gerade zur richtigen (Jahres-)Zeit.
„Den Titel ‘Silver’ hat sich Marc [Lynn; Baß] ausgedacht und dieser steht in der Tat für all das, was du vorher genannt hast. Was die einzelnen Lieder angeht, spiegelt sich hier eine große stilistische Bandbreite wider. Frühe Gotthard-Einflüsse geben sich mit moderneren Einschlägen die Türklinke in die Hand, was im Übrigen ohne eine bestimmte Absicht geschah. Es passierte einfach.“

In der Tat erlaubten sich die Eidgenossen heuer den einen oder anderen stilisierten Seitenkniff, ohne sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen. So weisen zumindest drei Tracks für den Kenner eindeutige Beatles-Anleihen auf, was zumindest für die Gotthard-Fans ein Novum darstellen dürfte.
„Damit dürftest du sogar recht haben, denn Leo und ich hören viel Beatles. Welche Songs stechen da für dich heraus?“

Das trifft teilweise auf „Beautiful“, „Not Fooling Anyone“ oder „Electrified“ zu.
„Da die teilweise aus meiner Feder stammen, muß ich wohl ein Beatles-Fan sein“, stutzt Nic.

Aha, interessant – du bist also in den Songwriting-Prozeß mit eingebunden?
„Schon immer, einer von uns – entweder Leo, Freddy oder ich – biegen immer mit einer Idee um die Ecke, die wir dann gemeinsam ausarbeiten.“

Früher steuerten auch fremde Songwriter einige Nummern bei.
„Das stimmt, doch seitdem ich dabei bin, fiel das weg.“

Nach wie vor verwundert mich das erneute Engagement von Speed- und Power Metal-Produzent Charly Bauernfeind. Woran mußte der sich am meisten gewöhnen?
„Charly ist natürlich am ehesten bekannt für seine sehr metallischen Produktionen, steht persönlich aber auch auf ganz andere Sachen, die er hier gut ausleben kann, so daß unterm Strich dabei ein ganz passabler Mix heraus kommt, der beispielsweise Leos rockige Seite mit Charlys metallischer Seite verquickt. Das funktioniert ganz gut.“

„Miss Me“ kommt hingegen mit einem typischen latinen Santana-Touch daher, wenn du mich fragst.
„Ja, das war eine der Nummern, wo wir einfach etwas ausprobierten, ohne zu wissen, wo die Reise hinführt. ‘Miss Me’ sollte sich eigentlich rein akustisch an einem Riff orientieren; doch nach und nach fügte sich hier und dort hin was hinzu. Wie so oft unterliegen manche Songs einem Prozeß, dessen Ausgang so anfangs nicht abzusehen ist. Insofern steht ‘Miss Me’ wohl für die Nummer, die man so von Gotthard wohl am wenigsten erwartet hätte!“
Text: Petra Rottmann
Pic: Martin Häusler

 

Fortsetzung im aktuellen BREAK OUT 06/2016 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel !!!
oder: HIER BESTELLEN !!!

 



Hier unsere aktuelle Ausgabe 6/2016! Erhältlich für 3,50 Euro in allen gut sortierten Zeitschriftenläden und Bahnhofsbuchhandlungen!!!

Das nächste Heft erscheint am 24. Februar 2017!!!


Für das Inhaltsverzeichnis der aktuellen Ausgabe klickt ihr bitte hier. Die Top-Themen des neuen Heftes findet ihr unter dem Navigationspunkt 'Themen'!
   
Hier findet ihr unsere vier aktuellen Tipps des Monats. Einfach auf die nachstehenden Links klicken und schon gehts los:
Metallica
Gotthard
Bruce Springsteen
Demon
   
Hier ist unser Search-Engine, mit dem ihr sämtliche Breakout-Seiten auf die Schnelle durchsuchen könnt.



 
   
 

Impressum