Manilla Road

Sein oder nicht sein

Kinder, wie die Zeit vergeht, genau dieser Satz bringt es direkt auf den Punkt, sobald die Sprache auf die Metal-Heroes Manilla Road aus Wichita, Kansas kommt. Vierzig Jahre rackert sich der Bandboss Mark „The Shark“ Shelton nun schon ab, veröffentlicht dabei ein Hammeralbum nach dem anderen und ließ beziehungsweise lässt dabei kaum noch Metal-Wünsche offen. Einzig eine kurze Schaffenspause von wenigen Jahren ließ Manilla Road in den neunziger Jahren kurzzeitig von der Metal-Bildfläche verschwinden. Auf der faulen Haut lag Mark in dieser Zeit jedoch trotzdem nicht. Der Gitarrist und Sänger widmete sich damals seinen Soloaktivitäten.

Nun steht mit „To Kill A King“ das neueste Manilla Road-Studioalbum in den Regalen, das mit dem für diese Band so typischen Sound nicht geizt. Mark „The Shark“ Shelton meldet sich mit einer etwas angekratzten Stimme aus seinem Schlafgemach am Abend vor dem Rückflug in die Staaten, um geduldig Auskunft zu geben.

Mark, der Titel des aktuellen Albums „To Kill A King“ ist ein bisschen reißerisch und blutig ausgefallen.
„Ja, ich habe eine Vorliebe für Hamlet und Macbeth von William Shakespeare, diese Thematik hat mich schon immer sehr interessiert. Beim Schreiben neuer Songs höre ich stets auf meine innere Stimme und sobald ich mich mal hinsetze und loslege, geht das fast wie von alleine. Das Endergebnis ist dann meistens im Grunde genommen genau eine Momentaufnahme und gibt das wieder, was mich in genau diesem Augenblick beschäftigt hat. Dieses Mal hat es eben Shakespeare erwischt.“

Aber „To Kill A King“ ist kein durchgehendes Konzeptalbum, oder?
„Nein, es ist nur dieser eine Song Shakespeare gewidmet, alle anderen Tracks haben jeweils ihr eigenes kleines Konzept in sich.“

Ein bisschen ungewöhnlich ist der Einstieg in das Album jedoch schon, wenn ausgerechnet der monumental ausladende Titelsong mit über zehn Minuten Spieldauer den Reigen neuer Tracks eröffnet. Das ist kein gewöhnlicher und leichter Einstieg, vor allem für alle, die keine Die-hard-Fans sind, wie ich finde.
„Ja, das ist mir schon klar und darüber habe ich im Vorfeld auch viel nachgedacht. Letztlich fiel die Entscheidung aber so aus. Andererseits war ich schon immer ein Fan musikalischer Experimente, der dabei auch gerne kein Risiko scheut. Nachdem ich diesen Song fertiggeschrieben hatte, spürte ich, dass es ein exzellenter Opener für die Scheibe wäre. Manilla Road waren schon immer eine epische Band und das passt perfekt. Heutzutage musst du dir nämlich wenigstens keine großen Gedanken mehr darüber machen, ob deine Songs im Radio genügend Airplay bekommen. Wir befinden uns immerhin mitten im Internet-Zeitalter, wo es ziemlich egal ist, welchen Song du als Opener für dein neues Album verwendest. Zudem bin ich der Meinung, dass es letztlich doch auch wieder typisch für mich und Manilla Road ist, etwas anders zu ticken als all die anderen Bands. Mittlerweile finde ich es sogar eine richtig coole Idee, denn so etwas haben wir selbst zuvor noch nicht gemacht. Mit diesem epischen Titel als Einstieg in ‘To Kill A King’ heben wir uns doch irgendwie von anderen Bands ab.“

Das stimmt natürlich auch wieder. Auf dem „To Kill A King“-Cover wird wohl zumindest in den USA so ein kleiner netter Sticker zu finden sein, der vor dem Erwerb der Scheibe warnt, meinst du nicht?
„Das ist leicht möglich.“

Geht deine Vorliebe für Shakespeare sogar so weit, dass du selbst in die Oper gehst und den Klängen des Meisters lauschst?
„Natürlich war ich auch schon einmal in der Oper, aber so richtig vom Stuhl haut mich das ehrlich gesagt nicht. Mich interessiert eben Shakespeare an sich. Gerade die Mel Gibson-Fassung von Hamlet finde ich mehr als gelungen. Sobald Shakespeare anfängt, seine Geschichten zu erzählen, ist das definitiv episch, wie ich finde.“

Ihr habt einen neuen Bassisten mit an Bord.
„Phil E. Ross ist wahrhaft ein exzellenter Bassist, der sich auf der neuen Scheibe sehr gut eingebracht und auch jetzt auf Tournee seine Stärken unter Beweis gestellt hat. Ich bin schon richtig stolz, ihn mit an Bord zu haben. Das war übrigens unsere bisher längste Europa-Tournee, die wir absolviert haben. So viele Shows in so vielen unterschiedlichen Ländern und das fast ohne Pause. Aber die Reaktionen von unseren Fans waren einfach nur superb.“

Zurück zum neuen Bassisten. Wie hast du ihn denn ausfindig gemacht?
„Das ist ganz seltsam gelaufen. Ich kenne Phil nämlich im Grunde schon ungefähr seit sieben Jahren. Bisher war er im Merchandise-Geschäft tätig, hatte also auch mit T-Shirt-Druck zu tun. Ich arbeitete also schon einige Zeit mit Phil zusammen, ohne von ihm zu wissen, dass er auch Bass spielen kann. Als dann unser vorheriger Bassist die Band verließ, rief ich erst einmal alle in Frage kommenden Bassisten an, die ich in unserer Umgebung kannte. Bei einer Neubesetzung versuche ich nämlich für gewöhnlich immer erst, einen neuen Mann in unserer Umgebung ausfindig zu machen, bevor wir jemanden von auswärts engagieren. Mein Toningenieur gab mir dann letztlich den Hinweis auf Phil, weil dieser seines Wissens ein ziemlich guter Bassist sein sollte. Also kontaktierte ich Phil und er war zum Glück gleich mit dabei. Und es dauerte gar nicht lange, bis ich erkennen konnte, welches Potential in Phil steckt. Nachdem beziehungsweise obwohl ich ihm kurz erklärt hatte, dass er für viele Stunden Arbeit und für die Liveauftritte nur ein paar Dollar verdienen wird, willigte er ein. Phil ist ein unglaublich talentierter Musiker und seine Performance auf der Bühne war während der eben absolvierten Tournee auch sehr cool.“

Mit deiner Zweitband HellWell, einer düsteren Truppe, hast du ja bereits ein weiteres neues Studioalbum in diesem Jahr veröffentlicht. Fleißig!
„Ja, das Album trägt den Titel ‘Behind The Demon’s Eyes’ und unser frühere Manilla Road-Drummer Randy Foxe ist dort auch mit an Bord. Randy hat immer gute musikalische Ideen, die mit den meinen ganz gut zusammenpassen.“

HellWell zeigt also die dunkle Seite von Mark Shelton? Sogar deine Stimme driftet dabei in düstere Gefilde ab.
„Ja, definitiv. Auf dem ersten Album habe ich bis auf zwei alle Songs eingesungen und nun auf der neuen Scheibe sogar alle Tracks. Das Schöne an dieser eher düsteren Musik ist die Tatsache, dass es hier eben auch nicht dieses Happy-End-Gefühl gibt. Das hat auch was.“

Macht es das für dich nicht ein bisschen einfacher beim Komponieren, gleich zwei Bands für die Verwendung der Songideen in der Hinterhand zu haben?
„Nicht unbedingt, aber ich mag natürlich diese musikalischen Unterschiede. Der Wechsel zwischen den beiden Bands gibt mir die Möglichkeit der Weiterentwicklung und eröffnet mir die Chance, so viel wie möglich auszuprobieren und noch mehr zu machen, was ich will. Ich habe nun alleine drei Jahre am neuen HellWell-Album gearbeitet. Jedoch stand und steht Manilla Road immer an vorderster Stelle. An ‘To Kill A King’ arbeiteten wir übrigens seit August 2015. Damals begannen wir mit dem Schreiben neuer Songs, als unser Drummer Neudi nach unserer US-Tournee noch ein paar Tage in den Staaten war. Diese Zeit nutzten wir. Danach habe ich mich ins Studio zurückgezogen, um weiter an den Songs zu basteln. Dann mussten wir die Tracks auch irgendwann aufnehmen, und einen neuen Bassisten mussten wir auch noch finden. Das Cover-Artwork macht sich schließlich auch nicht über Nacht, das braucht einfach seine Zeit. Das Ganze zog sich also noch ein bisschen in die Länge, bis nun endlich das fertige Album auf dem Tisch liegt.“

Für die Gestaltung des Covers ist wieder Paolo Girardi verantwortlich?
„Ja, Paolo ist ein sehr guter Künstler. Wir lernten uns übrigens bei unserem ersten Auftritt in Europa kennen, das war beim Bang Your Head-Festival 2000. Wir freundeten uns an und blieben danach in Kontakt. Paolo hat damals ein Portrait von mir gemalt, auf dem ich wie ein spanischer Konquistador aussehe. Mir gefällt seine Kunst und genau so, wie Neudi bei seinen Drums nicht triggert, malt Paolo noch mit der Hand und in Öl. Es ist also alles richtige Handarbeit bei uns. Paolo hatte ja schon mit dem Cover von ‘The Blessed Curse’ großartige Arbeit abgeliefert. Ich wollte für das aktuelle Album keinen anderen Künstler. Das HellWell-Cover hat Paolo ebenfalls gemalt.“

Zurück zu „To Kill A King“. Nach dem bereits erwähnten schweren Einstieg ins Album mit dem Titelsong fällt vor allem „Never Again“ auf, das mit Sirenengeheul beginnt. Worum geht’s hier genau?
„Der Song handelt von der bedauerlichen Entwicklung, was die Verwendung von Nuklearwaffen betrifft. Schön langsam steuern wir auf einen Punkt zu, an dem wir unsere Erde und die Menschheit gleich mehrfach zerstören könnten. Es gibt mittlerweile so viele nukleare Waffen auf der ganzen Welt, das ist unglaublich. Es ist einfach so lächerlich, dass heutzutage ausgerechnet solche Waffen in den Händen von Idioten sind.“

War es eigentlich geplant, jetzt wieder etwas härter zur Sache zu gehen, nachdem eure letzte Scheibe etwas ruhiger ausgefallen ist?
„Ich bringe immer das zu Papier, was mich gerade bewegt, was ich fühle und denke. Mit dem aktuellen Album gehen wir nun eben wieder etwas zurück zu unseren Anfängen und sind damit auch eine Ecke härter. Ich weiß, dass es zuletzt ein bisschen zu sehr in die akustische Ecke abdriftete. Mit meinem Soloprojekt spielte ich sogar reine Akustikshows. Manilla Road klingen aber eben mit jedem neuen Album ein bisschen anders, obwohl jeder sofort erkennt, dass es der Sound von Manilla Road ist. Ich weiß selbst nicht, wie das genau funktioniert, aber es ist eben so, und das ist gut so.“

Wie kommt es deiner Meinung nach, dass du jetzt nach 40 Jahren im Musikgeschäft erfolgreicher bist als in früheren Tagen? Wart ihr einfach eurer Zeit voraus? Fühlst du da eine Art Genugtuung?
„Dafür ist meiner Meinung nach das Internet verantwortlich. Heutzutage ist es offensichtlich viel leichter, weltweit Beachtung zu finden. Du kannst deine Songs direkt in die Welt hinaustragen. Immerhin sind nun mit einer kurzen Pause vierzig Jahre vergangen, seit ich mit Manilla Road begonnen habe. Momentan ist das ein richtig gutes Gefühl. Vor zwanzig Jahren mochten uns viele Leute einfach nicht. Aber auch diese Leute haben zum Teil ihre Meinung geändert und wir sind sogar nach deren Meinung mittlerweile ganz okay. Die Unterstützung durch die Medien ist ebenfalls ganz anders als früher. Irgendwie spürt man auch einen gewissen Respekt uns gegenüber, dafür, dass wir nie aufgegeben haben. Manilla Road haben stets versucht, neue Musik zu erschaffen, ohne dabei viel Geld in Produktionen zu verschwenden. Durch den grundsätzlichen Wandel der Musikindustrie ist es aber nicht leichter geworden, als Musiker von seiner Arbeit zu leben. Es ist nur leichter, übers Internet neue Fans hinzuzugewinnen. Während unserer eben beendeten Tournee habe ich in Polen ein cooles Foto gemacht. Da hatten vier Jugendliche das gleiche Manilla Road-T-Shirt an, ausgerechnet das, welches ich auch an diesem Abend trug. Das war ein ganz besonderes Gefühl. Alle vier waren jünger als mein Sohn, der Anfang zwanzig ist. Ich fand das sehr cool, so viele junge Leute, die unsere Musik mögen und unsere Lieder mitsingen. Da fühle ich mich schon geehrt. Ich bin sehr glücklich und genieße das. Alleine unser Auftritt in Polen war ein echtes Ereignis. Seit Jahren hatten wir nämlich schon vergeblich versucht, einen Promoter zu finden, der das Risiko auf sich nimmt und uns dorthin holt. Dieses Mal traute sich endlich jemand, und so spielten wir eine ausverkaufte Show. Wir mussten sogar in eine größere Veranstaltungshalle wechseln, nachdem der Vorverkauf so gut lief. Und auch diese zusätzlichen Karten waren blitzschnell vergriffen. Das Publikum war unglaublich, als würden sie für Metal sterben. Bodysurfing bis weit nach hinten und die Texte sangen sie teilweise auch mit, so dass ich und Bryan Pause hatten. Einfach genial.“
Text: Tom Klaner

 

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