Bruce Springsteen
 
Der „Boss“ einmal anders – oder:
Es muß nicht immer ein Selfie sein
Bruce Springsteen auf der Frankfurter Buchmesse

Die Zeiten traditioneller Pressekonferenzen im Pop-Business sind vorbei. Angesagt sind moderierte Pressegespräche nach durchchoreographiertem Muster. Ein kleines Podest mit zwei Sesseln und einem mehr oder weniger bekannten Radio-Moderator, der den „Star“ (oder die Band) in ein nonchalantes Gespräch verwickelt und anschließend ein paar mehr oder weniger konkrete Fragen stellt. So oder ähnlich war es dieses Jahr auch bei Bruce Springsteen in Frankfurt.

Frankfurt a. M., Donnerstag, 20. Oktober 2016, ein nüchterner Konferenzraum namens Konrad-Adenauer-Saal im Fünf-Sterne-Hotel Villa Kennedy, 18.15 Uhr. Über Ort und Anlaß des Geschehens darf im Vorfeld nicht berichtet werden. Der Heyne-Verlag hatte über 100 Journalisten aus Europa zu „Lesung & Pressegespräch“ mit Bruce Springsteen geladen. Der stellte im Rahmen der Buchmesse 2016 seine Bestseller-Biographie „Born To Run“ vor. Auf 672 Seiten, von vier Autoren sehr gut ins Deutsche übersetzt, bildhaft und detailgetreu erzählt Bruce Springsteen in dem dicken Wälzer über sein bisher 67-jähriges Leben. Über Auszüge daraus berichtet „The Boss“ höchstpersönlich im Rahmen einer knapp einstündigen Seance, die von WDR-Moderator Thomas Steinberg moderiert wird. Bruce Springsteen, in grauem Sacko, Jeans, schwarzem Hemd und schwarzen Stiefeln, läßt sich unter Blitzlichtgewichter knapp zwei Minuten photographieren, und danach darf noch nicht mal das Smartphone zum Mitschneiden angeschaltet bleiben.

„Dieses Buch ist“ … „die Suche nach ihren Ursprüngen. Den Rahmen bilden die Ereignisse in meinem Leben, von denen ich glaube, daß sie die Geschichte und meine Arbeit auf der Bühne geprägt haben“, heißt es im Vorwort seines Buches. Als „Rock ’n’ Roll-Rüstzeug“ sieht Bruce Springsteen „Veranlagung, Talent, Handwerkszeug, die Entwicklung einer Ästhetik, der man sich voll und ganz verschreiben kann, die reine Gier nach … Ruhm? Liebe? Bewunderung? Aufmerksamkeit? Frauen? Sex? Und, o ja … nach Kohle. Und dann natürlich … wenn du wirklich voll durchziehen willst, und zwar bis zum Anschlag … ein loderndes Feuer in dir, das einfach … das nicht mehr … ausgehen… darf. Dies sind ein paar der Eigenschaften, die sich als nützlich erweisen, wenn du vor achtzigtausend (oder auch nur achtzig) kreischenden Rock ’n’ Roll-Fans stehst, die darauf warten, dass du den Zauberstab schwingst und eine tolle Show ablieferst. Dass du was aus deinem Zylinder ziehst, aus dem Nichts hervorzauberst, ihnen Sachen zeigst, die nicht von dieser Welt sind, irgendwas, was bis heute nur ein aus Songs gespeistes Gerücht gewesen ist, ehe die Gemeinde sich um dich versammelt hat. Meine Aufgabe ist es zu beweisen, dass dieses ewig flüchtige, nie uneingeschränkt glaubhafte ‘Wir’ lebendig ist. Das ist mein Zaubertrick. Und wie bei allen guten Zaubertricks muss erst mal das Set-up stimmen“, schreibt Springsteen im ersten Kapitel seines Buches. Und an diesem „Set-Up hat er sein ganzes Leben gearbeitet“, sagt Springsteen in Frankfurt.

Ob er mit 67 den Sinn seines Lebens gefunden habe, wird er gefragt und antwortet mit einen schlichten:
„No. – You have to earn transcendence in your music.“

Etwas später erzählt er, wie auch im Buch, von seinen Depressionen.
„Etwas, was wohl in seiner DNA begründet liege und er diese vom an einer bipolaren Störung leidenden Vater vererbt bekam.“ ... „Ich mache seit 30 Jahren Psychoanalyse, mein erster Arzt ist schon gestorben“, ist von ihm zu hören „und vor allem in den 80ern habe ich sehr viel Anti-Depressiva nehmen müssen.“ Er habe schon immer mit dem „Verdammnis-Aspekt“ gehadert, sagt der katholisch aufgewachsene Springsteen. „Früher hatte ich nie das Gefühl, Erlösung finden zu müssen.“

Viele beschreiben ihn als „Produzent ihres Lebenssoundtracks“ sagt einer der Anwesenden später und fragt ihn, wie er mit dieser Erwartungshaltung umgehe.
„Well, das ist, was ich immer erreichen wollte. Es bedeutet Verantwortung, es ist eine Ehre, aber ich beschäftige mich nicht ständig mit dieser Tatsache. Aber wenn man solch ein Buch schreibt, muß man sich dessen bewußt werden, daß man sich öffnet.“

Sieben Jahre habe ich an dieser Biographie gearbeitet“, sagt er und ergänzt: „Ich habe einige Musikerautobiographien gelesen, wie zum Beispiel die von Bob Dylan, Eric Clapton oder Keith Richards. Ich mochte Dylans ‘Chronicles’ sehr.“ Die Idee dazu entstand mit einem Essay über den Superbowl, erfährt man. „Dort spielte ich 2009 mit der E-Street-Band und hielt danach meine Erinnerung an dieses große Ereignis in einem Essay fest, hatte danach noch etwas Zeit, schrieb weiter und hörte darin so etwas wie eine Stimme, die weiter erzählen wollte. Ich konnte den Rhythmus fühlen, es machte Spaß, und ich kam auf die Idee, ein paar weitere Gedanken niederzuschreiben. Aber ein Buch zu schreiben, ist etwas anderes, als Songs zu schreiben, es ist etwas anderes, als Figuren dafür zu erfinden. Es ist alles in deiner Stimme, es bist du selbst, um den es geht.“ … „Aber ich mußte beim Schreiben auch einmal für eineinhalb Jahre aussetzen. … Ich mußte die Musik darin finden.“ … „Der härteste Part ist nicht, wenn du eine Stunde auf das leere Papier starrst, sondern, wenn du so viele Ideen im Kopf hast, daß die Zeit nicht reicht, alle umzusetzen.“

„Aber die Prosaform des 672 Seiten langen Buches im Vergleich zur ‘limitierten Form’ von Songtexten gab mir die Möglichkeit, mit noch mehr Tiefe die ‘Kämpfe’ mit meinem Vater Doug zu beschreiben, der bei Ford am Fließband gearbeitet hatte, trank und eine bipolare Störung hatte, wie sich erst später herausstellte. Mein Vater hat erst als alter Mann seine Verfehlungen mir gegenüber eingestanden.“ Mit dem Vater habe er sich erst versöhnt, als dieser ihm vor seiner eigenen Vaterschaft einen Überraschungsbesuch abstattete.
„Ich habe gute Songs über meinen Vater geschrieben, aber die Form des Lieds brachte stets Einschränkungen mit sich. Wenn man Prosa schreibt, muß man darin die Musik finden, den Rhythmus, bis man soweit ist, tiefer ins Detail gehen zu können.“ … „Aber unsere Geschichte ist so viel komplizierter, nicht in den Details dessen, was passiert ist, aber in dem Warum des Ganzen.“

Und seine Mutter? Kennt sie das Buch?
„Sie leidet schwer an Alzheimer, aber sie wollte immer, daß ich Autor werde. Ich denke, es hätte ihr gefallen.“
Text & Pic: Prof. Dr. Christof Graf

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