Goblin

Die Meister des Horrorsounds mit messerscharfen Keyboards

Dario Argento dürfte jedem Fan klassischer Horrorfilme ein Begriff sein. Filme wie „Suspiria“, „Tenebrae“ und „Phenomena“ haben quasi das Giallo-Horror-Genre erschaffen. Maßgeblich zu der düsteren, künstlerischen Atmosphäre der Filme beigetragen haben die italienischen Prog-Meister Goblin. Sie haben für die wichtigsten Filme Argentos den Soundtrack geschrieben und klangliche Klassiker erschaffen. Ich hatte die Ehre, mit Meister-Komponist Claudio Simonetti zu sprechen. Eine absolute Sensation!

Mit dieser Story schließt sich bei mir ein (diabolischer) Kreis. Ich lese das Break Out seit 2003, als es eine Titelstory über die finnische Band HIM gab. Seitdem habe ich fast jede Ausgabe gelesen und die Storys von Chris Glaub mit HIM verschlungen. Auch andere finnische Bands wie Lordi habe ich durch HIM und Brieffreundschaften für mich entdeckt. Genau da kommt jetzt Goblin ins Spiel. Durch eine Story von Mike Möller, in der er mit Mr. Lordi über seine liebsten Horrorklassiker sprach, wurde ich auf die Dario Argentos-Werke aufmerksam. Damals schrieb ich einen Brief (keine E-Mail!) an Mike und fragte, wo ich Filme wie „Suspiria“ oder „Day Of The Dead“ bekommen kann. Er empfahl mir einen kleinen Shop in Berlin. Dort wurde ich tatsächlich fündig und bin ihm seitdem auf ewig dankbar, mich in diese Klassiker quasi eingeführt zu haben. Ich war seitdem regelmäßig in diesem Shop, den es seit ein paar Jahren leider nicht mehr gibt.

2004/05 war so die Zeit, als es für mich mit den ganzen Horrorklassikern los ging und ich sie mir zulegte. „Suspiria“ hat einen besonderen Stellenwert bei mir, da er mich von Anfang an neugierig machte. Ich bekam den Film ja nicht sofort, er musste erst bestellt werden. Derweil las ich im Internet über den Film und worum es ging. Dann schaute ich ihn endlich selbst.
„Suspiria“ ist ein richtiges Kunstwerk! Die Kulisse und besonders die Farben machen für mich die Faszination des Films aus. Nun schwärmt man bei einem Horrorfilm ja nicht gerade von den Farben und damit sind nicht die Farben des Blutes gemeint. In dem Film kommt zudem erstaunlich wenig Blut vor. Es ist kein Splatter. Für mich hat er aufgrund der Farben, der Kulisse und des Soundtracks schon Arthaus-Charakter. Der Soundtrack ist ein wesentlicher Teil des Films und trägt unglaublich zur Atmosphäre bei. Dieses Glockenspiel der Titelmelodie ist richtig gruselig und wurde auch schon von zwei (zumindest mir bekannten) Bands namens HIM und den Smashing Pumpkins als Intro zu ihren Shows benutzt.
Später legte ich mir noch „Tenebrae“ zu, den ich zufällig in einem anderen Shop fand. Als englische DVD aber witzigerweise mit deutscher Tonspur dazu. „Phenomena“ folgte vor einigen Jahren und ist neben „Suspiria“ mein Fave. Ebenfalls ein absoluter Klassiker, und auf einer Filmpremiere hab ich mir die DVD 2014 von Jennifer Connelly signieren lassen.

Alle diese Filme von Dario Argento haben etwas gemeinsam: Der Soundtrack stammt von der italienischen Prog-Rock-Band Goblin um Komponist und Keyboarder Claudio Simonetti.
Aber wie kam er in Kontakt mit Argento und was hat er rückblickend alles zu erzählen? Fangen wir vorne an. Los ging es für Goblin mit dem Soundtrack zu Argentos Regiedebüt „Deep Red“ (Originaltitel „Profundo Rosso“). Worum geht es dort? Eine Frau wird des Nachts brutal in Rom ermordet. Sie war ein Medium und hat am Abend zuvor an einem Kongress für Parapsychologie teilgenommen. Dort wollte sie einen Mörder auffliegen lassen, dessen Präsenz sie spüren konnte. Ihr Nachbar Marcus wird Zeuge des Mordes und glaubt, ein entscheidendes Detail beobachtet zu haben. Am Tatort war ein mysteriöses Kinderlied zu hören, das auch während weiterer Morde in Rom erklingt. Gemeinsam mit der Journalistin Gianna verfolgt Marcus die Spur des Killers.

Du stammst aus einer sehr musikalischen Familie, dein Vater ist selber bekannter Komponist und Entertainer. Wie viel Einfluss hatte dies auf dich?
„Ich wurde in Brasilien geboren und mein Vater war dort sehr bekannt. Als wir zurück nach Italien gingen, wurde er hier auch bekannt als Entertainer und Schauspieler. Ich wurde quasi ins Showgeschäft hineingeboren und blickte bereits als Kind hinter die Kulissen. Früh fing ich an, Musik zu studieren und viel von ihm zu lernen.“

Wie wichtig war das Studieren klassischer Musik im Hinblick auf den Progressive Rock, der Goblin auszeichnet?
„Es half mir, Rockmusik zu spielen, denn in den 70ern spielten viele Bands, vor allem aus England, mit klassischem Orchester oder klassischen Musikern. Einer meiner Lieblingssongs ist ‘A Whiter Shade Of Pale’ von Procol Harum, ein klassischer Beach-Song. Sogar Deep Purple spielten mit einem Orchester und ihr Keybarder Jon Lord hat diesen Background. Gleiches gilt für Emerson Lake and Palmer. Ich finde es ist sehr wichtig für die Rockmusik, dass man einen klassischen Background hat.“

Wie hast du Dario Argento kennen gelernt?
„Mein Produzent ist mit ihm befreundet. Argento drehte gerade ‘Deep Red’ und rief meinen Produzenten an. Er fragte ihn, ober er ihm nicht Bands wie Pink Floyd, Deep Purple oder Emerson Lake and Palmer besorgen kann, die den Soundtrack schreiben würden. Mein Produzent schlug ihm vor, erst einmal eine Band auszuprobieren, die er gerade produzierte, bevor man diese großen Bands anrief. Wir hießen damals noch Oliver. Zur Band gehörten neben mir noch Massimo Morante und Fabio Pignatelli. Er spielte ihm also unser Album vor und Dario Argento war sofort begeistert. So bekamen wir den Job für den Soundtrack von ‘Deep Red’ .Am Ende verkauften wir von dem Soundtack über vier Millionen Exemplare. Damit hatten wir nie gerechnet. Leider löste sich die Band danach erst einmal auf.“

Der Klassiker gelang Argento dann 1977. Er erschuf mit „Suspiria“ ein künstlerisches, farbenprächtiges Meisterwerk. Der fast schon Arthaus-mäßige Film um eine US-amerikanische Schülerin Suzy Banyon, die nach München reist, um dort an einer Ballettschule zu tanzen. Bereits in der Ankunftsnacht sieht sie auf der Fahrt zur Schule ein Mädchen durch den Wald vor etwas fliehen. Wenig später geschieht ein Mord. Ihre Zimmergenossin wird auf bestialische Weise erstochen. In der Folge häufen sich die mysteriösen Todesfälle. Suzy verspürt nach und nach eine gespenstische Aura. Sie glaubt, dass in dem alten Schulgemäuer eine Hexe ihr Unwesen treibt, und geht dem auf den Grund.

Was kannst du über die Aufnahmen zum Soundtrack für „Suspiria“ erzählen?
„‘Suspiria’ ist wohl Darios bekanntester Film. Für die Aufnahmen von ‘Deep Red’ waren wir nur zehn Tage im Studio. Für ‘Suspiria’ waren es ganze drei Monate. Argento meinte zu uns: ‘Hier geht es nicht um einen Serienmörder, sondern um eine Hexe. Ich möchte, dass man die ganze Zeit die Präsenz spürt ... Auch wenn nichts auf der Leinwand zu sehen ist.’ Für den Soundtrack experimentierten wir mit verschiedenen ethischen Instrumenten wie zum Beispiel einer griechischen Bouzouki oder einer indischen Tabla. Wir benutzten auch verschiedene Synthesizer wie den Mellotron und das System 55 von Moog. Ich finde ‘Suspiria’ ist der Goblin-Sound. ‘Deep Red’ klingt wie viele andere Prog-Rock-Sachen, aber mit ‘Suspiria’ haben wir unseren Sound und unser Meisterwerk erschaffen.“

Wie fühlt es sich an, dass „Suspiria“ dieses Jahr 40. Jubiläum feiert?
„Großartig! Wir begannen schon letztes Jahr damit ‘Suspiria’-themed Konzerte zu spielen. Aber dadurch, dass der Film jetzt das Jubiläum hat, kamen noch viele, viele Anfragen für Konzerte dieses Jahr dazu.“

Viele Horrorfilmklassiker gibt es für den Fan in so vielen unterschiedlichen Versionen und Cuts. Gibt es von „Suspiria“ auch mehrere?
„Oh, ich glaube, das ist nur bei euch in Deutschland so mit der geschnittenen Version. In Italien gibt es nur eine einzige Version des Films mit 1 Stunde und 45 Minuten. Ich weiß, dass bei euch die Zensurbehörde sehr streng ist.“

Nach dem Konzert in Hamburg wird es für die Inhaber des „Zombi“-Tickets etwas ganz Besonderes geben. Im Anschluss an die Show im Grünspan gibt es einen Shuttle-Service zum Savoy-Kino. Dort wird in Anwesenheit der Band dann „Suspiria“ auf der großen Leinwand gezeigt. Los geht das Ganze um 24 Uhr.

Goblin war nicht immer eine Instrumentalband, oder?
„Nein, wir hatten auch mal einen Sänger. Cherry Five ist eigentlich der Name des ersten Goblin-Albums mit Sänger.“

Warum haben sich Goblin Ende der 70er eigentlich aufgelöst?
„Ich hatte das Gefühl, dass die Ära der Rockmusik Ende der 70er abebbte und mit der Musik der 80er kam etwas völlig anderes. Ich lernte einen Produzenten kennen und begann mit ihm Disco- und Dance-Musik zu komponieren. Zu der Zeit war die politische Situation in Italien auch ziemlich ernst und so hörten die Leute ab jetzt viel Dance, um ihre Sorgen wegzutanzen und auf andere Gedanken zu kommen. Da passte das. Dies hört man zum Beispiel auf dem Soundtrack zu ‘Tenebrae’, welcher typische Dance-Synthies der 80er enthält.“

Warum gab es bei Goblin so viele Line-up-Wechsel?
„Oh, keine Ahnung. Wir lösten uns 1978 auf, darauf folgte meine Solokarriere. Für ‘Tenebrae’ reformierten wir uns 1982 dann wieder. Es ist wie eine Ehe. Diese ist jetzt beendet. Nun habe ich mein eigenes, persönliches Line-up.“

Dies trifft auch auf den Soundtrack zu „Demons“ zu, der letztens zum 30. Jubiläum neu aufgelegt wurde. Was wolltet du und Regisseur Lamberto Brava mit dem Film erreichen?
„Dies war eine andere Zeit und Etappe in meinem Leben, in dem ich durch den Film elektronische Musik schrieb. In den 80ern war es zudem üblich, kommerzielle Musik in Filmen zu verwenden. Wir hatten Billy Idol und ‘Go West’ von den Pet Shop Boys neben der von mir komponierten Musik verwendet. Dies machten wir auch bei Dario Argentos ‘Phenomena’. Dort hatten wir Iron Maiden dabei. ‘Phenomena’ war im Gegensatz zu ‘Demons’ wieder eine reine Rockscheibe. Sicher würde ich, wenn ich den Soundtrack noch einmal schreiben könnte, jetzt etwas anders machen. Aber ich liebe ihn trotzdem. Jeder unserer Soundtracks hat den speziellen Vibe der Zeit, in der er entstand.“

Im Jahr 2001 haben sich Goblin wiedervereint für den Soundtrack zu Dario Argentos „Sleepless“. War es schwer, sich wieder in das Bandkonzept einzufinden?
„Das war eigentlich 1999, als wir uns zusammensetzten und darüber sprachen. 2000 nahmen wir dann den Soundtrack auf. Oh ja, wir hatten uns ja 21 Jahre nicht gesehen ... Das letzte Mal sahen wir uns vor der Trennung 1978.“
Text: Marcel Suck

 

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