Flotsam And Jetsam

Neuderths Höhenflug

 

Als ich dieses Interview mit Bassist Michael Spencer machte, war noch nicht abzusehen, dass das neue Album in die deutschen Charts einsteigen wird. Flotsam & Jetsam sind also nach wie vor eine Hausnummer, und das nicht nur unter den reinen Thrash-Fans.  

Michael, wenn ich mir euer neues Album „The End Of Chaos“ anhöre, fällt mir mal wieder auf, dass es eigentlich viel zu wenig Speed-/Thrashbands gibt, die diesen Stil mit Melodien und Refrains verbinden, die ansprechen und man sich merken kann. Ich würde das als Trademark von Flotsam & Jetsam sehen.

„Da gebe ich dir recht. Es fühlt sich für uns nur natürlich an, Oldschool-Einflüsse wie Maiden, Priest oder Accept zu erlauben und das dann mit unserem eigenen Thrash-Stil zu verbinden. Die Energie der letzten beiden Alben brachte uns dazu, uns dabei wohl zu fühlen, wenn auch etwas klassischer, britischer und deutscher Metal, mit dem wir alle aufgewachsen sind, mitspielt. Und AK ist einfach ein begnadeter Sänger, der immer mit wertvollen Gesangslinien und melodiöser Stärke um die Ecke kommt“, lobt Michael seinen Sänger.

 Flotsam & Jetsam sind nicht die Fleißigsten, wenn es um neue Alben geht. Wie lange hat der Songwritingprozess dieses Mal gedauert?

„Das waren so neun oder zehn Monate, also etwas länger als normal. Da unser Drummer zu Overkill wechselte, mussten wir uns auch noch nach einem neuen Schlagzeuger umsehen. Das hat zwei bis drei Monate gedauert, bis wir dann Ken Mary verhaften konnten. Dann ging es erst richtig los“, erklärt Michael die Sachlage vor den Aufnahmen zur Scheibe.  

Ken Mary musste sich allerdings für den künstlichen Drumsound auf der aktuellen Fifth Angel einiges an Schelte gefallen lassen, und das auch zu recht. Wie lief das bei „The End Of Chaos“ ab?

„Die Drums und der Gesang wurden in Kens Studio aufgenommen, Micheal Gilbert hat seine Gitarren bei sich gemacht, danach haben wir unsere Teile beigetragen. Alle Drumparts von Ken sind echt“, beruhigt uns Michael.  

Was aber ist das Ende des Chaos?

„Es gibt gleich mehrere Bedeutungen für uns. Da wären die Weltpolitik und die sozialen Probleme, das Chaos in der Band selbst und auch persönliches Chaos, eben Dinge, die wir fast alle mal durchleben. Das Cover zeigt Flotzilla [ihr Maskottchen], welches wir seit ‘Doomsday For The Deceiver’ nicht mehr verwendet haben, in einer Szene, die die Nachwirkungen eines Bruchpunktes und Zerstörung zeigt, während Flotzilla die Freiheitsstatue rettet, die für Gerechtigkeit, Zusammenhalt und Freiheit steht. Flotzilla startet mit diesen Werten eine neue Welt“, erklärt Michael Titel und Cover.  

Ich liebe eure ersten beiden Alben, aber ich bin auch ein Fan der Scheiben, die ihr in den Neunzigern gemacht habt. Trotzdem erscheint es mir oft schwierig, wenn man immer wieder mit den Heldentaten von vor 30 oder mehr Jahren verglichen wird, sobald eine neue CD erscheint. Ich habe Ähnliches als Musiker selbst erlebt und mich ehrlich gesagt immer darüber geärgert …

„Ich denke, da reagieren die Fans von allen Musikrichtungen ähnlich. Ein Album von Fleetwood Mac oder Aerosmith hätte auch nicht die gleiche rohe Energie und emotionale Bindung zum Hörer wie in den frühen Siebzigern. So ist es auch mit der Thrash-Bewegung in den frühen Achtzigern, was ja auch irgendwo der Soundtrack unseres Lebens war. Für Viele waren diese Teenagerjahre die tollste Zeit und dadurch hat man eine ganz andere Bindung zu diesen alten Scheiben. Mit dieser Musik erlebten wir unsere Highschool-Zeit und wuchsen dann in unsere Zwanziger rein. Wenn man Alben von heute hört, dann fehlt diese Komponente logischerweise, aber es gibt immer einen Platz für Neues, wenn es sich für den Hörer richtig anfühlt. Wir haben es mit Flotsam & Jetsam schon geschafft, diese Gefühle zu verbinden, auch weil wir die Stücke unserer ersten Alben live spielen, was uns erlaubt, neue Musik zu kreieren, während wir nicht vergessen, wo wir herkommen. Generell denke ich, dass jede Band, die stilistisch gewachsen ist, nicht ihre Vergangenheit mit neuen Songs ersetzten kann. Es wird immer etwas anders sein“, philosophiert Michael. 

Das mag vielleicht auch ein Grund sein, dass ich überrascht über den Einstieg von Ken Mary war. Ich kenne ihn ja eher von Hardrock-Bands oder eben „normalem“ Metal.

„Steve Conley hatte bereits einige Projekte mit ihm, so dass sein Name als Erstes fiel, als es darum ging, Jason für ein paar Sommerfestivals und Club-Dates zu ersetzen. Als das so gut geklappt hat, begannen wir mit ihm darüber zu sprechen, ob er nicht ganz einsteigen möchte. Er stimmte zu und dann haben wir mit ihm auch schon an neuem Material gearbeitet“, erklärt Michael die zunächst ungewöhnlich erscheinende Wahl. Zwischen Bands wie House Of Lords und Flotsam & Jetsam liegen bekanntlich gleich diverse Welten, doch auf dem neuen Album klingt Ken, als habe er schon immer Thrash gespielt.  

Wie schwer ist es eigentlich, die Songs für eine Show oder Tour auszuwählen?

„Mit fünf Mitgliedern in der Band und dreizehn Alben im Rücken kann das schon sehr hart sein. Wir versuchen es immer auf demokratische Weise und machen eine Abstimmung. Die Stücke mit den meisten Punkten sind die Gewinner, oder so ähnlich. Aber auch das klappt nicht immer so einfach und schnell, wie es sein sollte“, lacht Michael. Zum Glück ist Flotsam & Jetsam klar, dass einige Tracks einfach gespielt werden müssen, sonst laufen die Fans Amok.

 Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich die Band mit meinen Kumpels entdeckt hatte und wir uns alle über den Namen gewundert hatten. Jahre später hörte ich von einem Vorfall, bei dem ein Ahnungsloser dachte, Flotsam & Jetsam wären ein Duo, so wie „Zager & Evans“ oder „Ike & Tina Turner“. Quasi Herr Flotsam und Mr. Jetsam. Passiert sowas heute immer noch?

„Also die Frage nach der Bedeutung des Namens höre ich immer noch oft von Leuten, die nicht mit der Metalszene verwurzelt sind. Und es gab ja wirklich ein Duo aus Australien, die in den Siebzigern als Flotsam And Jetsam in Erscheinung getreten sind. Vielleicht erinnern sich ja einige daran. Ich bin weniger mit den lustig-falschen Bedeutungen vertraut, aber ich kenne genügend spaßige Abänderungen. James Hetfield nennt uns ‘Flintstones & Jetsons’ und nervte damit Jason Newstedt, als er bei Metallica einstieg“, amüsiert sich Michael.

 Die Metalszene hat sich nach den eher unschönen Neunzigern nicht nur erholt, sondern ist auch enorm stark geworden. Mir ist das bei diversen Besuchen in den USA auch aufgefallen. Nun lieben wieder viel mehr Metalheads den Oldschool-Sound und manche sehen sogar aus, als kämen sie aus den Achtzigern. Ist euch das auch aufgefallen?

„Definitiv! Vor allem die Menge an Zwanzigjährigen, die jetzt ihre eigenen Thrashband haben, die klingt und aussieht, als ob es 1986 wäre“, beobachtet Michael ein Phänomen, welches auch in Europa auffällig ist.

 Womit wir auch beim nächsten Thema wären. Viele Gruppen haben „ihre Länder“, also Gebiete, in denen es besonders gut läuft. Wie sieht es hier bei Flotsam & Jetsam aus?

„Ich glaube unsere Verbindung zu Nordeuropa und Ländern wie Deutschland, Belgien oder Holland ist deswegen so stark, weil unser erstes Label Roadrunner Records war. Dadurch wurden wir in diesen Ländern natürlich stärker beworben und es gab mehr Presse als zum Beispiel in Spanien, Frankreich oder Italien. Wir haben das Glück, dass wir überall Fans haben und unsere Shows gut besucht sind“, freut sich Michael.

 Trotzdem hat sich das Musikbusiness verändert. Ihr seid noch in den Genuss eines Majorlabels gekommen, als die Welt noch in Ordnung war. Wie sieht es heute aus? Ist es schwieriger, den Motor am Laufen zu halten?

„Für eine Band unserer Größenordnung kann es schon ein Kampf sein. Wir verkaufen zwar mehr physische Produkte als noch vor zehn Jahren, aber Geld damit zu verdienen ist dennoch schwierig. Die Tourneen müssen die Ausgaben decken, aber zeitgleich auch unsere Rechnungen zuhause bezahlen. Es ist einfach anders, wenn du eine Band mit Fünfzigjährigen bist, die Häuser, Kinder, Autos und Hobbies haben. Andere haben eben einen Beruf, um diese Rechnungen zu zahlen, und wenn du erst Zwanzig bist, dann fallen diese gar nicht erst an. Wir touren sehr smart, was sich in den letzten Jahren ausgezahlt hat“, beschreibt Michael die Situation.

Text: Andreas „Neudi“ Neuderth

Pic: AFM Records

 

 

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