Revertigo

Bowies Erben

Manchmal dauert es eben ein wenig länger, bis man seine Vorhaben in Taten umsetzen kann: Im Fall der Schweden Mats Levén (derzeit Sänger bei Candlemass) und Anders Wikström (Treat-Mastermind) durfte die Idee einer erneuten Zusammenarbeit 26 Jahre reifen, bis man 2018 mit Revertigo und dem gleichnamigen starken Debüt endlich Nägel mit Köpfen machte.

So wird denn auch so manch einer ob der doch recht ungewöhnlichen Kombi erstaunt die Augenbraue lupfen: Epic Doom meets Melodic Hardrock – wie soll das funktionieren? Muss es auch nicht, denn Revertigo steht eher unter dem Motto „Befreiungsschlag“, dem Ausleben langgehegter musikalischer Wurzeln der beiden langjährig befreundeten Mucker, deren Wege sich beileibe nicht nur anno 1992 bei Treat kreuzten (als Mats für Sänger Robert Ernlund einsprang), sondern quasi auch privat beim Bäcker um die Ecke, wenn man so will. Die eingangs erwähnten stilistischen Gegensätze lösen sich übrigens ganz schnell von selbst auf, wenn man sich den vielfältigen Werdegang von Mats Levén näher anschaut. Dabei fällt auf, dass der Mann gesanglich mit allen Wassern gewaschen ist und so ziemlich auf jeder schwedischen Hochzeit schon einmal tanzte. Erste Stationen kennzeichnen neben Treat demnach auch absolute Scandi-Melodic-Hardrock-Kulttruppen wie Swedish Erotica, Dogface oder Axt-Schwinger Yngwie Malmsteen; zu den bereits erwähnten Candlemass gesellt sich auch das seit Jahren gut eingeführte Trans-Siberian Orchestra als neuester Arbeitgeber aus Übersee dazu. Kein Wunder also, dass für Revertigo erst der passende zeitliche Slot gefunden werden musste, der es auch Freund und Gitarrist Anders Wikström erlaubte, sich voll und ganz dem Vorhaben zu widmen. Dieser frönt im richtigen Leben übrigens voll und ganz seiner Leidenschaft jungen Menschen die „Flötentöne“ beizubringen! Schweden ist da meines Erachtens sowieso schon wieder allen anderen Ländern um Längen voraus: Hier schultern rund um Stockholm an die 600 Musikschulen ein Programm, das es jedem Jugendlichen ermöglicht, kostenlos ein beliebiges Instrument zu erlernen; selbiges wird sogar gestellt – Lehrgänge für korrektes Marketing inklusive! Da braucht man sich nicht länger zu fragen, warum soviel musikalisch Hochwertiges aus dem hohen Norden stammt ...

Anders brennt jedenfalls voll für die Sache; das hört man selbst abends um halb zehn noch heraus.
„Man glaubt gar nicht, wie viel Talent in diesen jungen Leuten schlummert“, schwärmt der Treat-Mastermind, „wenn sie mal den Dreh herausgefunden haben.“

Eine sicherlich nicht nur mental lohnende Herzensangelegenheit für den altgedienten Rock-Soldaten, der so quasi automatisch in Sachen Musik auf dem Laufenden bleibt und der gerade letzte Hand an die im März erscheinende neue Treat-Scheibe legt. Aus reinem Spaß an der Freud poltert man dann noch mit den Europe-Gesellen Mic und Ian, Sänger Johan Johansson sowie King Diamond-/Treat-Basser Pontus Norgren bei geselligen Liveauftritten gängige Klassiker der Siebziger und Achtziger rauf und runter, so dass man sich wirklich fragen muss, wann der Mann mal gar nichts tut. Ein echter Vollblutmusiker eben, dem die Sommerferien letzten Jahres als einzige Option wohl gerade recht kamen, um zusammen mit Mats das von ihm selbst als Band benannte „Projekt“ Revertigo endgültig in Form zu gießen.
Wer hier allerdings althergebrachtes Melodic-Hardrock-Futter erwartet, befindet sich definitiv auf dem falschen Kutter: Dank der dargebotenen Stilkniffe überrascht der Erstschlag jedes Mal aufs Neue und wummert trotz alledem äußerst angenehm und stimmig in der Magengrube.
„Danke für die Blumen, das freut mich zu hören. Mal abgesehen davon, dass ich schon lange wieder einmal mit Mats zusammenarbeiten wollte, lag unser gemeinsames Hauptaugenmerk bei Revertigo darauf, eine neue Band an den Start zu bringen, die uns im ersten Schritt erlaubt, unseren Sound – je nach Gusto – kontinuierlich weiter zu entwickeln und nach und nach heraus zu schälen. Wohin uns das letzten Endes führt, kann ich dir heute noch nicht sagen. Bei Revertigo versuchen wir stilfremde Elemente zu inkludieren, die sonst mit Hardrock wenig oder gar nichts zu tun haben, aber trotzdem gut ins Gesamtbild passen.“

Auf welche Einflüsse spielst du denn an?
„David Bowie zum Beispiel. Eine echte Ikone, wenn du mich fragst. Wie wandlungsfähig dieser Mann war! Faszinierend, wie er seine Songs in die jeweilige Zeitschiene einbettete. Ich bin auch ein Riesenfan früher Synthiepop-Helden wie Ultravox und Co. Vor allem Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger strotzte die britische Musikszene nur so vor interessanten Bands, die absolut nichts mit Rock am Hut hatten. Alle diese Eindrücke versuchen wir humorvoll, aber keineswegs verunglimpfend in unsere Mucke einfließen zu lassen. Bei Revertigo haben wir endlich genügend Arsch in der Hose, um uns so etwas zu trauen.“

Anders kommt im Zuge dessen auch nicht umhin, eine Lanze für seinen Kumpel Mats zu brechen:
„Mats ist nicht nur einer der besten Hardrock-Sänger auf dem Planeten; er hat der Welt aber noch soviel mehr zu bieten, weil er fast alle Instrumente aus dem Effeff selbst beherrscht. Er kann so ziemlich alles singen und spielen, was man ihm vorsetzt. Ein Fakt, der bei einem Trio [nur Thomas Broman wurde für die Drums engagiert – d. Verf.] nicht zu unterschätzen ist. Wir wollten die Runde absichtlich klein halten und nur auf das Wesentliche reduzieren.“

Was angesichts der teilweise monströs-bombastischen Auslegung einzelner Tracks fast nicht zu glauben ist.
„Und dennoch verhält es sich so! Aus demselben Grund verzichteten wir auch auf irgendwelche Produzenten, die das Ergebnis hätten irgendwie verfälschen oder verzerren können. Außerdem haben wir beide im Leben schon genügend Musik verbrochen, um zu wissen, wie man’s macht.“

Geschenkt. Für mich verpassen Revertigo dem geliebten, aber zugegebenermaßen schon recht ausgelatschten Hardrock-Genre eine echt zeitgemäße Frischzellenkur. So könnte sich melodischer Hardrock nicht nur 2018, sondern auch in Zukunft anhören.
„Das schmeichelt gerade einem alten Recken wie mir natürlich sehr. Dennoch habe ich nicht vergessen, woher ich komme und mit welcher Mucke ich meine größten Erfolge einheimsen konnte – auch klar. Doch für Revertigo spielt das keine Rolle; hier fallen nur zwei Fakten ins Gewicht: Mats steht einfach auf meine Art Songs zu schreiben, deswegen wählte er mich als Partner raus. Ich fahre voll auf seinen Gesang ab, denke jedoch, dass er noch viel melodischere Sachen singen könnte als die, die er beispielsweise bei Candlemass abliefert. Insofern ergänzt einer den anderen, so dass unterm Strich und nur in dieser Zusammensetzung etwas Besonderes entstehen darf.“
Text: Petra Rottmann
Pic by: Henrik Stenberg

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