
Eloy
Eine Reise in die Vergangenheit
Ein heißer Tag Ende Juli in Deutschland, auch in Hannover.
Eloy-Mastermind Frank Bornemann muss jedoch einen kühlen Kopf bewahren,
gilt es doch im Horus Sound Studio den letzten Feinschliff an den zweiten
Teil von „The Vision, The Sword And The Pyre“ um die historische Figur der
Jeanne d’Arc zu legen. Trotz des Zeitdrucks nimmt sich Frank Bornemann bei
meinem Besuch viel Zeit, um seine Motivation für dieses Mammutwerk
darzulegen, das mit dem CD-Release noch lange nicht abgeschlossen sein
wird. Die trotz ihres Todes auf dem Scheiterhaufen am 30. Mai 1431 in
Rouen in der Normandie immer noch lebendige französische Nationalheldin
hat Frank Bornemann tief bewegt, sodass er sich intensiv dem Thema
widmete. Die Jeanne d’Arc ist aber nur ein Teil unserer umfangreichen
Unterhaltung, gilt es in diesem Jahr nämlich auch den fünfzigsten
Eloy-Geburtstag zu feiern, der mit dem Release der CD/LP-Box „The Classic
Years Trilogy“ garniert wird. Grund genug also, um ihm Horus Sound Studio
in Hannover auch etwas in die Vergangenheit des zwanzigsten Jahrhunderts
zu blicken.
„Der Gedanke, sich musikalisch mit Jeanne d’Arc zu
beschäftigen kam sehr spontan. Ich war mit meiner Frau zum Hochzeitstag in
Paris, und wir haben natürlich die üblichen Besichtigungen gemacht,
darunter auch Notre-Dame. Irgendwann fing’s an zu regnen, so dass wir in
ein gegenüberliegendes Café gingen. Nachdem das Wetter besser wurde,
beschlossen wir, Notre Dame nochmals aufzusuchen. Wir stießen auf eine
Szene mit düsterer Orgelmusik und einem Priester, der etwas in Französisch
erzählte, was ich nicht verstand, da ich damals die Sprache noch nicht
beherrschte. Dann wechselte die Darbietung, und eine Frau mit einer weißen
Kutte trat auf, die etwas rezitierte. Ihre Stimme erinnerte mich an Mary
Davis-Smith und deren Wortbeitrag auf ‘Love Over Six Centuries’ vom Album
‘Power And The Passion’ [1975]. Rechts in einer Nische stand eine Statue
von Jeanne d’Arc. Nichts Unübliches dort, denn diese Nischen gibt es in
Notre-Dame häufiger, in denen dann zum Beispiel Sarkophage von Kardinälen
stehen, und alles ist mit Kerzen beleuchtet. Bei Jeanne d’Arc jedoch war’s
sehr spärlich beleuchtet, was ich schon seltsam fand, ist sie doch die
französische Nationalheldin, und heiliggesprochen zudem. Ich stellte dann
ein paar Kerzen hin, und je länger ich mir die Statue anschaute, desto
mehr fühlte ich mich von ihr durchdrungen; ich kann’s nicht anders
erklären. Irgendwann habe ich mir dann so eine kleine Broschüre, mehr ein
Zettelchen besorgt, auf dem das beschrieben war, was vorher der Priester
und die Frau erzählt hatten. Da ich es nicht lesen konnte, nahm ich die
Info mit, um mir diese bei Gelegenheit übersetzen zu lassen, und dann
waren das alles Sachen, die Jeanne d’Arc seinerzeit vor dem
Inquisitionstribunal gesprochen hatte. Dies zündete dann bei mir eine
weitere Raketenstufe, und ich sagte, dass ich größte Lust hätte, über
diese Figur etwas zu machen. Ich wusste allerdings nicht viel über sie,
außer dass Jeanne d’Arc im Hundertjährigen Krieg gegen die Engländer
gekämpft hatte, die Geschichte in Orléans mit den Soldaten, und dass sie
am Ende auf dem Scheiterhaufen endete. Mehr hatte ich nicht, also kein
historisches Material. Mir war klar, dass es für ein großes Werk nicht
reichen würde, aber für einen Song. Zuerst entstand der Track ‘Jeanne
d’Arc’, der auf ‘Destination’ [1992] den Abschluss bildet. Erst hinterher
näherte ich mich den ganzen Quellen weiter und war sehr erstaunt, wie nah
alles an der Geschichte liegt, die ich in dem Stück von mir gegeben habe.
Das ist für mich etwas Phänomenales gewesen und ich beschloss, etwas
Größeres über sie zu machen.“
Der Eloy-Titel „Company Of Angels“ auf „The Tides Return
Forever“ (1994), ursprünglich für einen amerikanischen Film über Jeanne
d’Arc angedacht, das wäre es für Eloy gewesen. Doch dann beleidigte die
für die Rolle der Jeanne d’Arc angedachte Sinéad O’Connor in den USA
öffentlich den Papst, womit die Idee für den Dreh beerdigt wurde.
Frank Bornemann ließ die Person Jeanne d’Arc jedoch nicht mehr los,
sodass ihn auch dieser Rückschlag nicht entmutigte.
„Jeanne d’Arc ist eine absolut einzigartige Gestalt des späten
Mittelalters. Ein dermaßen wundersames und unergründliches Wesen wie sie,
charismatisch und voller Strahlkraft, welches so mitreißend auf ihre
gesamte Umgebung inklusive des Königs, der damaligen herrschenden Elite,
aber auch der gesamten Bevölkerung gewirkt und so viel bewegt hat, hatte
es zuvor und seither bis heute nie wieder gegeben. Diese Anziehungskraft
ist auch an mir nicht vorbeigegangen, und somit konnte ich gar nicht
anders, als ich mich das erste Mal näher mit ihrer Geschichte befasste,
als mich nun einem Werk zuzuwenden, welches sich mit ihr, ihrem kaum
erklärlichen Wirken in dieser dunklen Epoche und Jeanne d’Arcs
letztendlichem Schicksal befasst.“
Wer Frank Bornemann kennt, der weiß, dass er sich mit
Oberflächlichkeiten nicht zufriedengibt, sondern tief in die Materie
eintaucht, wie auch bei Jeanne d’Arc.
„Ich bin im Laufe der Zeit zu einem profunden Kenner ihrer Geschichte
geworden und studierte hierfür zahlreiche Literatur sowie ihre
Prozessakte, habe den Kontakt zu bedeuteten Historikern aufgenommen und
war nahezu an allen Stätten, die mit den damaligen Ereignissen verbunden
sind. Im Zuge dessen schloss ich mich auch dem Freundeskreis des Centre
Jeanne d’Arc in Orléans an, wo man mich sehr unterstützt hat, um dieses
Werk auf die Beine zu bringen. Dieses Zentrum ist die wichtigste und
kompetenteste Instanz, die es zu diesem Thema gibt.“
Die Geschichte der Jeanne d’Arc so detailliert musikalisch
aufzuarbeiten ist eine Mammutaufgabe.
„Als ich damit anfing, war mir schon klar, dass ich mich einer großen
Herausforderung stellen musste, denn ich besaß auch einen hohen Anspruch,
nämlich endlich mal ein Werk in die Welt zu bringen, welches wirklich
inhaltlich lückenlos und vollständig, aber auch uninterpretiert die
Ereignisse so abbildet, wie sie sich damals tatsächlich zugetragen haben.
Alles, was sich in ‘The Vision, The Sword & The Pyre’ befindet, ist
historisch belegt. Kein Kinofilm, kein Theaterstück und noch weniger ein
Musikwerk hat sich das jemals zur Aufgabe gemacht. Wenn es um dieses Thema
ging, wurde stets nicht nur viel hineininterpretiert, sondern auch
gewaltig gekürzt und damit Wesentliches ausgelassen, was für mich zwingend
zu den einzigartigen Ereignissen der Geschichte der Jeanne d’Arc gehört,
und sie erst richtig verständlich machen. Mir sagt man dafür
verschiedentlich nach, dass ich in dieser Sache ein Getriebener und
Besessener sei. Das mag zutreffen, denn wer investiert wie ich fünf Jahre
Arbeit und einen Haufen Geld, um so ein Opus magnum in Wort und Musik zu
schaffen? Da dies jedoch für mich eine Berufung war, ist mir das egal, und
ich hoffe und wünsche mir, damit viele Menschen zu erreichen!“
Das Durchhaltevermögen über all die Zeit ist mehr als
beachtlich.
„Es gab sicherlich viele Momente, in denen ich mich sehr erschöpft
fühlte, doch das ist bei solch einer Tour de force verständlich. Zudem war
die Unterstützung vor allem in Frankreich großartig. Man hat dort sehr
schnell verstanden, was ich da für eine riesige Kugel vor mir herschiebe,
um etwas zu schaffen, an das sich ja bisher niemand so recht herangewagt
hatte. Es gab historisch komplizierte Hintergründe und Ereignisse in der
Geschichte, die von durchaus kompetenten Historikern unterschiedlich
gesehen und bewertet wurden. Um sämtliche Widersprüche und Unklarheiten
aufzulösen, war ich beim Leiter des Centre Jeanne d’Arc, Olivier Bouzy,
der derzeit kompetentesten Person für dieses Thema, der mich unterstützte,
um diese Knoten aufzulösen. Dass ich aus ganz unterschiedlichen Gründen
letztendlich für die komplette Sache fünf Jahre brauchen würde, das war
nicht vorauszusehen“, schmunzelt Frank Bornemann.
Jeanne d’Arc wird Frank aber weiterhin begleiten.
„Es ist mit dem zweiten Teil von ‘The Vision, The Sword And The Pyre’
für mich der Eloy-Abschluss, aber es ist noch nicht ganz vollbracht. Dies
ist die erste Version, die ich mit meiner Band Eloy aufgenommen habe. Es
folgt noch ein Bühnenstück in französischer Sprache sowie eine Box mit
sogar noch ein paar zusätzlichen Musikstücken. Also wartet noch eine Menge
an Arbeit auf mich, bis wirklich alles beendet sein wird. Und zudem
schreibe ich noch ein Buch ‘Die Vision, das Schwert & das Feuer’ in
Deutsch, das dann von jemanden ins Französische übersetzt werden wird. Wir
sind mit der Frau befreundet, und sie hat bereits interessante Dinge wie
den Science-Fiction-Roman ‘Das Jesus-Video’ von Andreas Eschbach
übersetzt.“
Die Geschichte der Jeanne d’Arc hat viel mit Glauben,
Religion und auch Politik zu tun. Dessen ist sich Frank Bornemann bewusst.
„Glaube bedeutet nun mal nicht Wissen. Die Religionen dieser Welt
können also nur etwas anbieten, was man glauben kann oder auch nicht. Da
Religionen jedoch Glaube mit Wahrheit verknüpfen, hat das in unserer
menschlichen Gesellschaft schon zu großen Problemen geführt. Glaube steht
der Intuition sehr nahe, und so lange jeder für sich das eine oder andere
für sich annehmen kann, ohne damit anderen oder anders denkenden Menschen
Schaden zuzuführen, würde die Weltgemeinschaft friedlich mit verschiedenen
Religionen leben können. Schlimm wird es nur, wenn Fanatismus ins Spiel
kommt, und leider passiert dies noch viel zu oft. Der Schlüssel zur Lösung
des Problems ist Toleranz und gegenseitiger Respekt. Politische
Sichtweisen wie bei der Front National, diese ganzen nationalistischen
Gedanken, die habe ich bei meinem Werk völlig rausgehalten, und der
katholischen Kirche spiele ich auch nicht in die Arme, die meinen, die
einzige Wahrheit zu kennen. Dann Teile der Wissenschaft, die Jeanne d’Arc
beurteilen, dass sie halluziniert habe, auch dazu gebe ich keinen
Kommentar. Es bleibt jedem selbst überlassen und wie er’s wahrnimmt, ob
Jeanne d’Arc von Gott gesandt worden ist, da halte ich mich völlig raus.
Dennoch bekommst du die gesamte Geschichte mit all ihrer Tragik, der
emotionalen Wucht, die da drinsteckt, präsentiert, denn das war mein
Ansinnen, dies rüberzubringen. Und dann muss sich der Hörer damit
auseinandersetzen und seine eigenen Schlüsse ziehen.“
Text: Marco Magin
Pic: Kate Cymmer
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